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MI | 11.04.2012
Ehrung für Opfer vom Spiegelgrund (Bild: APA)
NS-Verbrechen
Ehrung für überlebende Spiegelgrund-Opfer
Im Rathaus sind 25 Frauen und Männer mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet worden. Sie alle waren Opfer von Menschenversuchen in der NS-Zeit in der psychiatrischen Klinik am Spiegelgrund.
Spät, aber doch: Ehrung für Spiegelgrund-Opfer
Ein Leben im Schatten des Spiegelgrundes
"Aus einem Vogelhaus habe ich einmal ein paar Brotstücke genommen, weil ich so einen Hunger hatte. Dann wurde ich wegen Diebstahl verurteilt, die Fingernägel wurden mir bis ins Fleisch geschnitten", erzählte die Überlebende Ingeborg Dürnegger über die menschenverachtenden Vorgänge am Spiegelgrund.

Die Erinnerungen an diese Erlebnisse würden sie trotz mehrmaliger Behandlung bis heute verfolgen, so Dürnegger. Trotzdem steht sie als Zeitzeugin für die Wissenschaft und Schulen zur Verfügung. Leicht falle ihr das nicht, es würde sehr weh tun, so die Überlebende. Aber vielleicht könne sie damit mithelfen, dass sich das nicht wiederhole.
Bewunderung für Zeitzeugen
Ehrung für Opfer vom Spiegelgrund (Bild: APA)
Bei der Feier hob Gesundheitsstadträtin Renate Brauner (SPÖ) die Bemühungen der "Kinder vom Spiegelgrund" hervor, von ihren grausamen Erlebnissen Zeugnis abzulegen. Die Überlebenden hätten grausame Erfahrungen gemacht und nie ganz verheilende Wunden erlitten.

Umso bewundernswerter sei es, dass sie enorme psychische Strapazen auf sich nähmen, um als Zeitzeugen einen Beitrag zu einem "Niemals vergessen" zu leisten, so Brauner. Sie warnte vor Intoleranz, Inhumanität, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Antisemitismus.

(Bild: Stadträtin Brauner mit Überlebendem)
Gequält, gedemütigt und getötet
800 Kinder am Spiegelgrund getötet
Etwa 800 Kinder und Jugendliche wurden am Spiegelgrund in der NS-Zeit getötet. Man bezeichnete sie als "unwertes Leben", weil sie behindert waren oder als schwer erziehbar galten. Hunderte andere wurden gequält und gedemütigt.

Von 1940 bis 1945 sind diese Verbrechen am Steinhof verübt worden. Der Mediziner Heinrich Gross wurde in den 70er Jahren zum Synonym für die Verbrechen am Spiegelgrund. Eine Verurteilung erfolgte aus Altersgründen aber nie.

Die Leichen der getöteten Kinder wurden oft zu Präparaten gemacht. Erst 2002 sind die in Spiritus eingelegten Leichenteile in würdiger Form bestattet worden.
Ein Überlebender lehnte Ehrung ab
Ein Überlebender lehnte die Ehrung allerdings ab. Er hatte in den 70er Jahren den NS-Arzt Gross wiedererkannt und die Diskussion über die Vorgänge in Gang gebracht. Er lehnte eine Aufzeichnung "weil man die NS-Zeit überlebt hat" ab und übte Kritik an der Gedenkstätte im heutigen Otto-Wagner-Spital.
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