Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Übergewicht (Bild: APA)
Rotraud A. Perner
Lust statt Frust: Dick ist nicht gleich dick
Die Österreicher essen viel zu viel und fett. Die Folge: 35 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen haben Übergewicht. Dennoch wird die weibliche Körperfülle wesentlich kritischer registriert, so Rotraud A. Perner in ihrer Kolumne.
Dicke Männer, dicke Frauen - unterschiedliche Wahrnehmung.
"Der Fett-weg Wahn"
Manche Wahrnehmungen sind nicht bewusstseinsfähig – sie werden verleugnet, verschoben, projiziert, ins Gegenteil verkehrt oder einfach "irgendwie" uminterpretiert. In der Psychoanalyse spricht man dann von Abwehr.

Besonders wenn es darum geht, Frauen so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind, werden männliche Abwehrformen deutlich erkennbar: die "Objektspaltung" etwa, besser bekannt unter dem Titel "Madonna und Hure".

Ähnlich erklärten sich einige KollegInnen aus der psychotherapeutischen Zunft das letzte Cover eines österreichischen Wochenmagazins: Das zeigte eine fettleibige, nackte Dame mit dem Untertitel "Der Fett-weg Wahn", dazu gab es feuerrot lackierte Nägel.
Frauen europaweit die am wenigsten Übergewichtigen.
Statistischer Gewichtsbefund
Wenige Tage zuvor war nämlich die Meldung des Europäischen Statistischen Amts Eurostat durch die Tagespresse gegangen, dass in Österreich über die Hälfte der Männer (50,8 Prozent) schwer übergewichtig seien, nur in Griechenland seien die Männer noch dicker.

Die österreichischen Frauen aber, so die Meldung, wären europaweit die am wenigsten Übergewichtigen.
Angst vor "Forderungen"
In der psychoanalytischen Arbeit zeigt sich oft, dass Männer Angst vor schwergewichtigen Frauen haben: einerseits liegen dahinter unbewusste Erinnerungen an matronenhafte Mütter und Großmütter verborgen, denen gegenüber der kleine Junge sich winzig fühlte, andererseits Angst vor schwangeren – vor allem selbst geschwängerten – Frauen.

Beide werden oft als bedrohlich "fordernd" erlebt – egal, wie berechtigt diese Forderungen sind: Nach Alimenten etwa. Oder nach Unterstützung.
Narzissten geht es um seine eigene Gloriole.
Frauen zum Angeben
Häufig zeigt sich aber auch der männliche Model-Wahn: Wenn es nämlich nicht um die konkrete emotionale Beziehung zu einer konkreten Frau geht, sondern um die eifersüchtig-neidische Beziehung zu anderen, oft nur imaginierten Männern, denen man(n) imponieren will.

Dann muss Frau aussehen wie ein so genanntes Supermodel, nämlich superdünn, und wenn Frau das nicht (mehr) ist – etwa nach einer Entbindung –, eignet sie sich halt nicht mehr zum Angeben. Die abgewehrten Unterlegenheitsängste werden spürbar, schnell muss ein Sündenbock, pardon: eine Sündenziege her.

Leider introjizieren – auch eine Abwehrform – viele Frauen diese männliche Idealisierung, ohne sich bewusst zu machen, dass es einem Narzissten um seine eigene Gloriole geht und Frau nur Mittel zum Zweck ist. Ohne zu ihrem derart abgewehrten Wunsch zu stehen, einfach um der eigenen Persönlichkeit willen geliebt und geachtet zu werden und nicht wegen des Body-Mass-Index.
Adonis oder Sumo-Ringer?
Was aber wäre nun passiert, hätte das ungenannt bleiben sollende Magazin einen fetten Mann aufs Cover gehievt? Einen Sumo-Ringer? Nicht österreichisch. Einen klassischen Bierbauch à la Deix – Manderln, rotblonde Löckchen inbegriffen? Oder einen dunkelhaarigen Waschbärbauch, vielleicht mit einem dezenten Tatoo? Hier wären die Fotokünstler gefordert gewesen, einen mutigen Schritt in Richtung Avantgarde zu wagen…

Aber, wie mir unlängst ein Kollege einen Bilderwitz mailte, verhält es sich tatsächlich so: die normalgewichtige Frau schaut in den Spiegel und sieht sich darin dicker als sie ist – der dicke Mann hingegen erblickt sich im Spiegel als gertenschlanker Adonis.
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