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MO | 13.02.2012
Spaziergänger im Herbst (Bild: dpa/Andreas Lander)
Rotraud A. Perner
Sozialkompetenz und die Hintergründe
Menschen, die auf laute Kinder schießen, und Menschen, die versuchen, im Gespräch Probleme zu lösen: Soziale Kompetenz und die Hintergründe in der wien.ORF.at-Kolumne von Rotraud A. Perner.
Da glaubt auch jedermann und jedefrau, er beziehungsweise sie wäre das netteste Wesen überhaupt, "wenn man mich nicht reizt".
Die "Sozialkompetenz"
"Jeder, der einmal Geschlechtsverkehr gehabt hat, hält sich für einen Experten in Sachen Sexualität", klagte der seinerzeitige Sex-Papst Ernest Borneman wiederholt. Er selbst wurde aber auch nicht müde, für seine Sichtweisen zu werben, frei nach dem Motto "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!".

Ähnlich verhält es sich oft, wenn es um den Begriff "Sozialkompetenz" geht. Da glaubt auch jedermann und jedefrau, er beziehungsweise sie wäre das netteste Wesen überhaupt, "wenn man mich nicht reizt".

Und "wahrscheinlich hat sie/er ihn gereizt" lautet oft die übliche Verteidigungsrede, wenn ein Mann gewalttätig geworden ist. (Umgekehrt hört man diesen Satz aber nicht. Von Frauen wird erwartet, dass sie sich nicht reizen lassen und wenn doch, dass sie dann in kalter Wut erstarren.)
Oft liegt der Ursprung von Gewalt in der Kindheit der schlagenden Person.
Jede Gewalttat hat Geschichte
Der November ist üblicherweise durch Aktionen gegen Gewalt an Frauen gekennzeichnet, und dabei wird vor allem das Schlagen und Prügeln geächtet. Nur: Gewalt beginnt schon viel früher! Jede Gewalttat hat eine Geschichte, und oft liegt ihr Ursprung in der Kindheit der schlagenden Person, die sich in ihrer Ohnmacht mit ihrem Schläger identifiziert und damit Mitgefühl mit sich selbst – und allen anderen in ähnlicher Lage – verabsäumt hat.

"Tu dir nur nicht selber leid!", drohen oder höhnen gewalttätige Menschen dann oft noch, wenn ein/e andere/r leidet, und unken: "Was einen nicht umbringt, macht ihn härter", stimmt ja auch: steinhart, gepanzert, und meist noch stolz auf die seelische Hornhaut.

Alexithym lautet das Fachwort, das Menschen bezeichnet, die weder bei anderen noch bei sich selbst Gefühle wahrnehmen können und oft auch wähnen, keine zu haben – oder wütend werden, wenn sich so etwas wie ein Gefühl zu regen beginnt, egal ob es ein ärgerliches oder ein zärtliches ist.
Mit 80 bis 85 Dezibel gegen Kinder.
Ultraschalltöne gegen laute Kinder
Solch einer muss auch der Erfinder der neuerdings gegen übermütig lärmende Kinder und Jugendliche angebotenen Frequenzwaffen sein. Die senden, so lese ich, schrille 80 bis 85 Dezibel laute Ultraschalltöne auf einer Frequenz von 16 bis 18 KHz, die normalerweise nur von Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren zu hören sind.

Wieso eigentlich nur von denen? Und: Das ist doch eine nicht unbeträchtliche Gruppe. Und zu der gehören auch junge LehrerInnen, ErzieherInnen, Krankenpflegepersonen … von der Handwerkerschaft ganz zu schweigen.
In Dialog treten, Motive erkunden und Verträge schließen.
Verbieten, Strafen, Einsperren
Verbieten, Strafen, Einsperren – Quälen und Foltern, was auch dazu zählt, wird diskret verschwiegen – stellen die üblichen Problemlösungen dar. Sie heißen in der Fachsprache Problemlösungen erster Ordnung. "Erster" deswegen, weil sie die primitivste Form von Reaktion auf unerwünschtes Verhalten darstellt.

Problemlösungen "zweiter Ordnung" hingegen bedeuten: in Dialog treten, versuchen, Motive und Ziele zu erkunden, und Verträge zu schließen. Sich vertragen heißt ja, einen Vertrag zu formen und dann auch einzuhalten. Dazu braucht man aber Sozialkompetenz – und die umfasst Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und eine humanere Form von Selbstausdruck als die tierische des Beißens und Zerreißens.

Aber weil Sozialkompetenz so selten ist, wird sie meist als fremdartig abgelehnt und sogar verteufelt und bietet oft wieder einen Grund, "störende" Personen zu isolieren, zu verletzen oder auch sozial umzubringen - zu mobben.
Sie wollten nur lernen, wie man andere Leute schnell dazu bringe, zu tun, was sie wollten - auch eine Form von Gewalt.
Soziale Kompetenz und Gesichtsverlust
Sozial kompetente Menschen würden auf lärmende Kinder oder Jugendliche zugehen, sie ansprechen und eventuell um Rücksicht bitten – in einer Form, die auf Drohungen und Beschimpfungen verzichtet, und nicht sprachlos mit einer Art von "Hundepfeiferl" agieren (oder, wie es immer wieder vorkommt, einfach auf "lästige" Menschen zu schießen).

Aber genau das empfinden viele schon als Gesichtsverlust, wie ich von StudentInnen zu hören bekam, als ich im Unterricht zu Sozialkompetenz fragte, was ihr Ziel dabei wäre: Sie wollten nur lernen, wie man andere Leute schnell dazu bringe, zu tun, was sie wollten - auch eine Form von Gewalt.
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