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MI | 11.04.2012
Netzbett (Bild: ORF)
Politik
Psychiatrie im Zwielicht: Eine Chronologie
Im Dezember 2007 sind erstmals Vorwürfe gegen die Akutpsychiatrie im Otto-Wagner-Spital laut geworden. Später wurde eine Untersuchungskommission zur Psychiatrie eingesetzt. Eine Chronologie der Vorfälle.
In Netzbetten weggesperrt und stundenlang in eigenen Exkrementen liegen: Die Pflegerin schockierte mit ihren Aussagen.
Pflegerin brachte Stein ins Rollen
Patienten würden übermäßig lange in Netzbetten weggesperrt und müssten dort oft stundenlang in ihren eigenen Exkrementen liegen, weil Personalnotstand herrsche und die Pfleger oft schlicht überfordert seien: Mit dieser Aussage äußerte sich im Dezember 2007 eine Pflegerin des Spitals gegenüber der "Wiener Zeitung" und brachte die Missstände erstmals an die Öffentlichkeit.

Die Vorwürfe seien "unhaltbar", hieß es vom Krankenanstaltenverbund (KAV) und wies alle Vorwürfe zurück.
Pflegerin begleitet Patientin im Otto-Wagner-Spital (Bild: ORF)
Frau verbrachte Nacht festgeschnürt auf einem Gitterbett.
Ehemalige Patientin bekräftigt Aussagen
Nach den Vorwürfen gegen die Akutpsychiatrie im Otto-Wagner-Spital meldete sich eine Patientin in "Wien heute" zu Wort und schilderte ihre Erfahrungen.

Nach einer Panikattacke ist die Frau im Jahr 2005 ins Spital eingeliefert worden. Dort verbrachte sie eine Nacht festgeschnürt auf einem Bett mit Gittern. Sie habe sich nicht bewegen können und musste auch urinieren. "Das gehört so", dachte sich die ehemalige Patientin damals.
Durch ehlende Alarmglocken konnten sich bettlägerige Patienten nicht melden.
Politik schaltete sich ein
Die Vorwürfe zogen immer weitere Kreise: Nach den Vorwürfen der Pflegerin und der Patientin erhob die Patientenanwaltschaft ihre Stimme gegen das Otto-Wagner-Spital. Zuvor hatte sich der KAV erneut zu den Anschuldigungen geäußert und diese als "unhaltbar" bezeichnet.

Im Spital fehle es an Alarmglocken für die Patienten, kritisierte daraufhin die Patientenanwaltschaft. Ans Bett fixierte Patienten hätten keine Möglichkeit, sich durch greifbare Glocken bemerkbar zu machen.

Auch aus den verschiedenen politischen Parteien kamen Statements. Während die SPÖ konkrete Hinweise zu den Anschuldigungen vermisste, hagelte es von der ÖVP Kritik: Die "Vogel-Strauß-Politik" der Gesundheitsstadträtin sei inakzeptabel, hieß es in einer Aussendung von damals. Die Grünen forderten das Nachgehen der Hinweise, die FPÖ suchte den Fehler im Personalnotstand.
Netzbett im Otto-Wagner-Spital (Bild: ORF/Herbert Pfarrhofer)
Fixierungen an Händen und Füßen auf Grund von zu wenig Pflegepersonal?
Personalmangel Schuld?
Zu viele Patienten, zu wenig Pflegepersonal sei der Grund für die Zustände in der Psychiatrie, so die Opposition. Sogenannte "Beschränkungszetteln" verrieten täglich durchgeführte Zwangsmaßnahmen eindeutig: Einsperren in Netzbetten und Fixierung an Händen und Füßen stünden im Spital an der Tagesordnung.

Auch diese Vorwürfe wies Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely in Folge mehrmals (SPÖ) zurück.

Unterdessen warnte Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD), Stephan Rudas, vor Vorurteilen gegenüber psychiatrischen Abteilungen.
Mann in Psychiatrie (Bild: APA)
Anfang des Jahres 2008 wurden ein Selbstmordversuch und ein Todesfall durch Herz-Kreislauf-Versagen bekannt.
Herzinfarkt und Selbstmord in Psychiatrie
Die Negativschlagzeilen der Psychiatrie setzten sich aber auch 2008 fort: Damals wurde bekannt, dass eine Frau sich im fixierten Zustand selbst angezündet hat, nachdem sie nach Selbstmordversuchen Hilfe im Spital gesucht hatte. Statt eines Gesprächs soll sie Medikamente verabreicht bekommen haben.

Anfang Februar geriet das Otto-Wagner-Spital mit dem Tod eines im Netzbett verstorbenen Mannes erneut in die Schlagzeilen: Der 61-Jährige starb an einem Herz-Kreislauf-Versagen verstorben.
Streit in Untersuchungskommission
Durch die Vorwürfe und Vorfälle wurden Stimmen nach einer U-Kommission von allen Seiten laut. Schließlich wurde beschlossen, dass 15 Gemeinderäte in der Kommission - neun der SPÖ, zwei der ÖVP, zwei den Grünen und zwei der FPÖ - die Sachverhalte klären sollen. Dabei kam es immer wieder zu Streitigkeiten über den Ablauf und die Inhalte.
Bericht mit Stimmen der SPÖ abgesegnet
Im Februar 2009 wurde die U-Kommission zur Situation der Psychiatrie schließlich offiziell beendet. Ein Organisationsversagen sei nicht erkennbar, hieß es von Seiten der SPÖ. Es gebe nur eine geringe Zahl an Beschwerden, Freiheitsbeschränkungen würden nur in Ausnahmefällen durchgeführt und bauliche Mängel seien nur in einem Pavillon im Otto-Wagner-Spital festgestellt worden, eine Sanierung werde vorbereitet.

Nach Ansicht der Opposition hat die Kommission hingegen Missstände klar aufgezeigt - trotz "Hürden", die die SPÖ bei der Aufklärung der Mängel gelegt habe.
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