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MI | 11.04.2012
Zeitungsverteilerin mit den "Österreichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
KULTUR
Gratiszeitung persifliert Rechtspopulismus
Konkurrenz erhält das Wiener Gratisblatt "Heute": Um auf rechtspopulistische Rhetorik aufmerksam zu machen, verteilt ein Künstler im Rahmen des Festivals Soho in Ottakring 10.000 Zeitungen an öffentlichen Plätzen und in U-Bahn-Stationen.
Titelblatt der "Östereichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Das Belvedere versinke im Müll, lässt sich dem Cover der "Österreichischen Nachrichten" entnehmen.
Überraschungsmoment bei den Lesern
Auf den ersten Blick scheint es sich bei den "Österreichischen Nachrichten" um eine normale Zeitung zu handeln. Der Aufmacher "Wir sind raus aus der EU!" könnte bei manchem Leser allerdings für einen Überraschungsmoment sorgen.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Blatt um ein Kunstprojekt, das auf Rassismus und Xenophobie in der österreichischen Medienlandschaft aufmerksam machen soll. Mit einer Mischung aus realen und fiktionalen Artikeln persifliert der, vor 12 Jahren aus Peru eingewanderte, Hansel Sato den reißerischen, oft fremdenfeindlichen Stil mancher österreichischer Zeitungen.

Inspiriert dazu hat ihn der Anblick noch halb schlafender Menschen in Straßen- und U-Bahnen frühmorgens, die in diesen Zeitungen blätterten: Gerade, wenn "das Bewusstsein das Kommando noch nicht übernommen" habe, sei es "leichter für die Medien, die Leute zu manipulieren", so Sato im Interview mit wien.orf.at.
Hansel Sato und seine "Österreichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Vier Monate lang hat Hansel Sato am Kunstprojekt Gratiszeitung gearbeitet.
Zeitungsverteilerin mit den "Österreichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Auch auf der letzten Seite hat der Künstler seine Kreativität unter Beweis gestellt.
"Österreichische Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Optisch fügen sich die "Österreichischen Nachrichten" gut in die Zeitungslandschaft ein.
Sympathie für "sudernde" Wiener
Um die Menschen wachzurütteln, verteilt der Künstler nun seine eigene Zeitung in U-Bahn-Stationen und auf öffentlichen Plätzen. Im ersten Moment merkten die Leute dabei gar nicht, dass es sich um ein Kunstprojekt handle, da "wir uns einfach unter die anderen Zeitungsverteiler mischen, von denen wir uns optisch nicht unterscheiden", so Sato.

Dass etwas an der Zeitung anders ist, fällt erst beim genauen Durchlesen der fiktiven Nachrichten auf: Das Belvedere versinke im Müll, da Müllmänner mit Migrationshintergrund streikten und Österreich sei aus der EU ausgetreten. Ihr Fett ab kriegen die Wiener in Form des Beitrages über den Untergang der Mayakultur wegen Suderns. Eigentlich aber mag Sato die Mentalität der Hauptstädter: "Die Wiener haben genau wie die Peruaner einen schwarzen Humor", so der Künstler.

Vier Monate lang war er mit dem Schreiben von Artikeln beschäftigt, damit einher ging auch eine intensive Lektüre der entsprechenden Blätter. "Ich habe genau geschaut wie sie schreiben, welche Schlagzeilen sie verwenden und wie ihr Layout ausschaut", so der Neo-Zeitungsmacher.
Sein Fazit: "Übertrieben und spektakulär muss es sein und an die Affekte appellieren".
Zeitungsverteilerin mit den "Österreichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Hansels Zeitungsausträgerinnen unterscheiden sich kleidungstechnisch nicht von ihren Kolleginnen.
Seite drei der "Österreichischen Nachrichten" (Bild: Hansel Sato)
Paris Hilton im Magerwahn statt weiblicher Kurven.
Kampf um die Zeitung in der Straßenbahn
Mit den gleichen Waffen schlägt Sato jetzt zurück. Sein Ziel ist es, möglichst viele Menschen zu erreichen. Im Rahmen von Kunstprojekten mit Jugendlichen habe er erfahren "dass für viele von ihnen "Heute" die einzige Informationsquelle ist", so Sato.

Um sie anzusprechen, setzt er neben einer einfachen Sprache auch auf Humor, wie das Foto eines Skeletts anstelle des Seite-Drei-Mädchens beweist. Die Rechnung scheint aufzugehen: In der Straßenbahn hat Sato sogar schon einmal einen regelrechten Kampf um seine Zeitung zwischen Jugendlichen beobachtet.

Ob es die Zeitung in Zukunft weitergeben wird, ist allerdings noch ungewiss. Die aktuelle Ausgabe wurde von KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) mitfinanziert, jetzt sucht Sato nach zusätzlichen Förderern. Die Artikel für die nächste Ausgabe seien nämlich schon in Planung, verriet er.

Clara Migsch, wien.ORF.at
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