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MI | 11.04.2012
Prozess-Finale um die Schießerei in einem Tempel der Ravidass-Gemeinschaft in Wien-Rudolfsheim (Bild: ORF)
GERICHT
Lange Haftstrafen im Ravidass-Prozess
In der Nacht auf Dienstag ist im Prozess um die Schießerei in einem Tempel der Ravidass-Gemeinschaft das Urteil gefällt worden. Ein 35-jährigen Sikh erhielt eine lebenslange Haftstrafe, vier Mitangeklagte 17 bzw. 18 Jahre Gefängnis.
Sechs Männer verurteilt.
Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt
Im Wiener Straflandesgericht wurde der Hauptangeklagte wegen Mordes und versuchten Mordes verurteilt.

Vier der fünf Mitangeklagten wurden wegen Beteiligung sowie teilweise auch wegen Nötigung und versuchter Körperverletzung schuldig gesprochen. Ein Mitangeklagter wurde wegen versuchter Nötigung zu sechs Monaten verurteilt. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

Der Anwalt des Hauptangeklagten legte Nichtigkeitsbeschwerde ein. Die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab. Der Richter hatte erschwerend gewertet, dass die Tat in dem gut besuchten Tempel mit vielen anwesenden Frauen und Kindern verübt worden war. Den Angeklagten hatten Haftstrafen von zehn bis 20 Jahren oder lebenslang gedroht.
Tödliche Schüsse auf Guru in Tempel
Nach der Einvernahme einer letzten Zeugin standen die Schlussvorträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf dem Programm. Danach zogen sich die Geschworenen zur Beratung über den Fragenkatalog zurück, die bis in die Nachtstunden andauerte.

Den sechs Männern war vorgeworfen worden, am 24. Mai 2009 eine religiöse Zeremonie der indischen Ravidass-Sekte in einem Tempel in der Pelzgasse in Rudolfsheim-Fünfhaus gestürmt zu haben.

Ihr Ziel waren dabei zwei Anführer der Ravidass Gemeinschaft. Mehrere Schüsse fielen, ein Guru wurde tödlich getroffen, der zweite schwer verletzt. Dann kam es noch zu einer Messerstecherei, angeblich um dem Haupttäter, der geschossen haben soll, die Flucht zu ermöglichen.
Gurus ähnliche Stellung wie der Papst
Für die Ravidass gibt es neben dem Heiligen Buch auch die sogenannten Sants, hohe Geistliche, die enorme Verehrung genießen, ähnlich wie im Christentum der Papst. Dementsprechend hoch war die Aufmerksamkeit mit der der Prozess in Wien verfolgt wurde.
Glaubensumstimmigkeiten mit Sikhs führte im Vorjahr zu Bluttat
an Gurus.
Widersprüche vor dem Gericht
Der Haupttäter hatte auch den Wiener Prediger Kishan Pal angeschossen, der sich noch schützend vor die Gurus stellen wollte.

Die Bluttat dürfte die Konsequenz einer Glaubensunstimmigkeit zwischen fundamentalistischen Sikhs und Ravidass-Anhängern gewesen sein. Während die Sikhs nur ihr heiliges Buch als verehrungswürdig erachten, huldigt der Ravidass-Ableger auch Gurus.

Auch während des Prozesses gaben die Angeklagten an, dass diese Praxis im Widerspruch zu ihrer Religion stehe. Die Staatsanwaltschaft warf den Angeklagten daher vor, aus diesem Grund das Attentat geplant und durchgeführt zu haben. Der Haupttäter habe aus nächster Nähe siebenmal auf die beiden angereisten Gurus und den Wiener Prediger Kishan Pal gefeuert.
DNA-Spuren auf der Tatwaffe
Gegen den Hauptangeklagten sprachen eine Reihe von Beweisen. So fanden sich etwa ausschließlich seine DNA-Spuren auf der Tatwaffe, seine Kleider und Hände wiesen entsprechende Schmauchspuren auf.

Die fünf mutmaßlichen Komplizen hatten Dolche und Messer gezückt und damit teils auf die Gläubigen eingestochen, die den Gurus zu Hilfe kommen wollten. Staatsanwältin Nina Weinberger betonte, dass zwar auch die mutmaßlichen Täter attackiert worden waren, allerdings wiesen nur die Opfer der Ravidass Verletzungen auf, die von Stichwaffen herrührten.
Gedächtnisverlust "nicht nachvollziehbar"
Der Hauptangeklagte litt nach eigenen Angaben unter Erinnerungslücken und konnte sich dementsprechend nicht mehr an die Tat erinnern. "Ihm wurde die Erinnerung aus dem Gehirn gedroschen", meinte sein Verteidiger Josef Phillip Bischof.

Der Mann habe bei der Gegenattacke der Ravidass mit Bratpfannen und Nudelwalkern einen Schädelbruch erlitten und war fünf Wochen im Koma.

Dieser Gedächtnisverlust war für die Gerichtspsychiaterin Gabriela Wörgötter zwar "nicht nachvollziehbar", für den Verteidiger allerdings Grund genug dafür, den Geschworenen den Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" ans Herz zu legen.
Zum Teil andere Aussagen als bei Einvernahme
Große Probleme hatte das Gericht mit den geladenen Zeugen. Während die Ravidass-Anhänger die Angeklagten möglichst drastisch beschuldigten, litten die Sikhs laut Staatsanwältin "unter kollektivem Gedächtnisverlust".

Die Personen machten zum Teil auch gänzlich andere Aussagen als bei ihrer Einvernahme durch die Polizei. Staatsanwältin Weinberger begründete dies vor allem mit dem Druck, unter dem die Zeugen in ihrer jeweiligen Community stehen. Auch die Verteidigung hatte keine besonders Freude mit den Aussagen.
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