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MI | 11.04.2012
 Johann Rzeszut  (Bild: APA/HANS KLAUS TECHT)
JUSTIZ
Irritierende Aussagen von Ex-OGH-Präsident
Aussagen des Ex-OGH-Präsidenten Johann Rzeszut zur Causa Kampusch könnten die Wogen hochgehen lassen. Er unterstellt dem Opfer, dass sein Verhalten nicht für eine "schicksalsbedingt geknickte oder angeschlagene Persönlichkeit" spreche.
Rzeszut: "Nicht auf sich aufmerksam gemacht"
Es gebe "hinreichenden Anlass, die Zuverlässigkeit der Angaben der tatbetroffenen Zeugin kritisch zu hinterfragen", so der 69-jährige Rzeszut. Kampusch habe "jahrelang mannigfaltige Gelegenheiten, mündlich oder schriftlich auf sich aufmerksam zu machen, ungenützt vorübergehen" lassen.

Zudem habe sich Kampusch nach ihrer Flucht in einer "seelischen Verfassung" gezeigt, "die dem Bild eines jahrelang gefangen gehaltenen und gepeinigten Entführungsopfers krass widersprach", so der 69-Jährige. Ihr Verhalten habe "eher für intaktes jugendliches Selbstbewusstsein als für eine schicksalsbedingt geknickte oder angeschlagene Persönlichkeit" gesprochen, befand Rzeszut.
Rzeszut unterstellt Opfer, sich "arrangiert" zu haben.
Auch Aussagen zu Täter-Opfer-Beziehung
Weiters hält es Rzeszut für möglich, dass diese nach der erfolgten Entführung als "ein Kind ohne die Erfahrung funktionierender familiärer Geborgenheit" möglicherweise "sehr bald geneigt" war, sich "mit der Täterseite zu arrangieren und deren Angebot zu einer verlockend dargestellten, familienfernen Lebensalternative anzunehmen".

Kampusch sei womöglich erst "später, etwa beim Eintritt in die Großjährigkeit" in der Lage gewesen, "die Tragweite fehlender Identität und den Stellenwert einer möglichst opportunen Rückkehr aus der Abhängigkeit samt entsprechendem Handlungsbedarf voll zu erfassen", hält Rzeszut wörtlich fest.

Von Kampusch selbst gibt es zu diesen Aussagen noch keine Reaktion.
Vorwürfe gegen Anklagebehörde
Rzeszut hatte am Donnerstag schwere Vorwürfe gegen die mit dem Fall Kampusch betraut gewesenen Anklagebehörden erhoben. Der Leiter der Staatsanwaltschaft Graz, Thomas Mühlbacher, bezeichnete die Vorwürfe als "völlig aus der Luft gegriffen". Anders als von Rzeszut behauptet sei kein Druck auf den Leiter der Soko Kampusch ausgeübt worden.
Oberstaatsanwalt weist Kritik zurück
Auch der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Werner Pleischl", weist die Vorwürfe von Rzeszut zurück: "Wir hatten großes Interesse, den Fall Kampusch in möglichst alle Richtungen aufzuarbeiten. Vor allem nach der Kritik
der Evaluierungskommission. Von der Kommission geäußerte Verdachtsmomente konnten eindeutig widerlegt werden."

Pleischl bekräftigte auch, dass sich keine Hinweise auf mögliche Komplizen von Wolfgang Prikopil ergeben hätten: "Es ist ganz sicher nichts vertuscht worden."
Adamovich bereits verurteilt
Johann Rzeszut war ebenfalls Mitglied der vom Innenministerium eingesetzten Evaluierungskommission unter dem früheren Verfassungsgerichtshof-Präsidenten Ludwig Adamovich.

Bereits im Vorjahr hatten Aussagen von Adamovich für Empörung gesorgt. Die Gefangenschaft sei für Kampusch "allemal besser" gewesen "als das, was sie davor erlebt hat", so Adamovich damals.

Vergangenen Dezember wurde er wegen dieser Aussage zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt.
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