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MI | 11.04.2012
Rudolf Steiner (Bild: APA/RUDOLF STEINER ARCHIV)
LEUTE
Jubiläumsreigen: 150 Jahre Rudolf Steiner
Mit neuen Biografien und einer Ausstellung wird heuer der 150. Geburtstag des Philosophen Rudolf Steiner begangen. Mit seinen Lehren war der Pädagoge einer der einflussreichsten Reformer des 20. Jahrhunderts.
Rudolf Steiner rückte Kinder als Individuen in den Mittelpunkt.
Alternative zum derzeitigen Schulsystem
Steiner selbst las mit 16 Kant, studierte Naturwissenschaften, belegte Vorlesungen in Philosophie, Literatur, Geschichte. 1919 gründete er für die Arbeiterkinder der Stuttgarter Zigarrenfabrik Waldorf-Astoria die erste so genannte Waldorfschule.

Heute berufen sich mehr als 1.000 Schulen weltweit auf die Thesen von Rudolf Steiner. In Zeiten von Pisa und Leistungsstress werden seine Theorien immer wieder als eine Alternative zum herkömmlichen Schulsystem genannt.

Seine Vision: Obwohl er in eine Zeit geboren wurde, in der Kinder früh arbeiten und damit erwachsen sein mussten, war es ihm wichtig, jedes Kind als Individuum zu begreifen.
Rudolf Steiner 1861 bis 1925
Am 27. Februar 1861 wurde Rudolf Steiner als Sohn eines Telegraphisten bei der österreichischen Südbahn in Kraljevec geboren. Mit 18 begann er in Wien an der Technischen Hochschule zu studieren. Er belegte zunächst die Fächer Biologie, Chemie, Physik und Mathematik, konzentrierte sich dann aber verstärkt auf Philosophie.

Mit 29 Jahren begann er in Weimar im Goethe-Schiller-Archiv zu arbeiten. Es erschien sein Buch "Die Philosophie der Freiheit", Steiner begann seine Vortragstätigkeit und lernte Menschen wie Hermann Grimm und Friedrich Nietzsche kennen.
Steiner ging nach Berlin, wo er ein Literaturmagazin herausgab und Lehrer in einer Arbeiter-Bildungsschule war.

Als Vorsitzender des Kreises "Die Kommenden" traf er wöchentlich mit Vertretern der Kunst- und Kulturszene zusammen. 1913 gründete er seine Anthroposophische Gesellschaft, die Bereichen wie Medizin, Landwirtschaft, Kunst und Politik neue Impulse gab.
Sinnliche Erfahrung miteinbeziehen
Mit seiner Lehre reagierte Steiner auf die damals neuen wissenschaftlichen Theorien, vor allem die Relativitätstheorie und die moderne Psychoanalyse, mit denen sich die Wissenschaft von der sinnlichen Erfahrung immer mehr entfernte. Steiner versuchte mit der Anthroposophie eine alternative Wissenschaft zu etablieren, in der auch das Geistliche einen Platz haben soll.

Er fand mit seinen Ideen viele Verehrer, darunter so prominente wie Franz Kafka, Stefan Zweig, Christian Morgenstern oder Else Lasker-Schüler. Andere stieß er damit allerdings vor den Kopf. Kurt Tucholsky verschmähte Steiner in einem Kommentar als "Christus des kleinen Mannes", der "wolkiges Zeug" verzapfe.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete Steiners Anthroposophie heute noch eher als "Stand-up-Okkultismus, einen ultraspätromanischen Poetry Slam: Wissenschaft der Form nach, an sich aber Mysterienspiel und Gesamtkunstwerk".
Steiner gilt auch
als Wegbereiter der Bio- und Esoterik-Welle.
Weltanschauung prägt Alltag
Befürworter des Schulsystems schätzen, dass die Kinder lernen, nach dem Sinn zu fragen, selbstbewusst zu sein, aber auch sozial, demütig und dankbar für das Leben. Gegner verurteilen die "Kuschelpädagogik", die den Schülern eine heile Welt vorgaukelt, eine Welt ohne Sitzenbleiben und Noten.

Steiner beeinflusste aber auch ganz andere Lebensbereiche: Als in den 1920er Jahren die Massenproduktion von Nahrungsmitteln begann, setzte er neue Impulse und entwickelt die Idee der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Damals gründete er das Arzneimittel- und Naturkosmetikunternehmen Weleda.

Seine Weltanschauung prägten jedenfalls den Alltag von der Kunst über die Architektur bis zur Ganzheitsmedizin.
Wollte Ideen nicht als "Dogmen" sehen
In vielen Tausenden Vorträgen führte Steiner seine Ideen aus, die er allerdings immer nur als Anregungen, nie als Dogmen verstanden wissen wollte. Dennoch wurde ihm immer wieder die Anthroposophie zu seinen Lebzeiten als sektiererische, autoritäre Bewegung dargestellt.

Dabei hatte Steiner gerade wegen derartiger Auswüchse die Theosophische Gesellschaft verlassen und bei der Gründung seiner Anthroposophischen Gesellschaft in den Statuten explizit festgehalten: "Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab."
Einfluss des Begründers der Waldorfpädagogik auf die zeitgenössische Kunst.
Beitrag zur Bildungsdebatte im MAK
In der MAK-Ausstellungshalle ist ab 22. Juni Steiner eine Ausstellung gewidmet. "Er personifiziert die Erinnerung an das Allumfassende", sagte MAK-Direktor Peter Noever.

In der Ausstellung "Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags" soll nicht nur eine Gegenposition zur "Hyperspezialisierung" der Gegenwart, sondern auch ein Beitrag zur Bildungsdebatte gegeben werden. Mit über 200 Exponaten möchte man sich Steiners vielschichtigem Werk nähern.

Als Begründer der Waldorfschulen habe Steiner unter anderem dem Aussehen und der Gestaltung der Unterrichtsräume eine wichtige Rolle beigemessen.
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