Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Mann hat zu viele Dinge im Kopf (Bild: Fotolia/HaywireMedia)
GESUNDHEIT
Timeout statt Burnout: Buch gibt Tipps
Stress und Burnout sind fast zu inflationär gebrauchten Begriffen geworden. Lisa Tomaschek-Habrina weiß wieso und will mit ihrem Buch "Der Fleiß und sein Preis" Gefährdeten und Betroffenen helfen.
Druck macht die Gesellschaft, aber auch der Mensch sich selbst.
Entschleunigung gegen den Erwartungsdruck
"Ich habe keine Zeit" und "Alles ist so stressig" sind schon zu Standard-Antworten auf die Frage "Wie geht es dir?" geworden. Immer mehr Menschen leiden an Krankheiten, die stressbedingt sind.

"Wir haben immer mehr Erwartungen zu erfüllen. Entschleunigung ist das oberste Prinzip, um dem gesellschaftlichen Druck entgegenzuwirken.", so Lisa Tomaschek-Habrina, Expertin auf dem Gebiet Stress und Burnout, gegenüber wien.ORF.at.

Ihr Buch "Der Fleiß und sein Preis", das auch als Audiobook erhältlich ist, richtet sich an Gefährdete und Betroffene ebenso wie an deren Angehörige. Es soll ihnen unter anderem helfen, Warnsignale des Körpers als solche wahrzunehmen und es gar nicht erst zu Burn-out bzw. Depression kommen zu lassen.
Frau telefoniert erschöpft am Arbeitsplatz (Bild: Fotolia/laurent hamels)
Burn-out heißt: Ich habe alles gegeben, Depression: Ich bin schwach.
Burn-out und Depression: Kaum Unterschiede
Die Bezeichnung Burnout wird von vielen Seiten kritisiert, da die sogenannte "Modeerscheinung" keine wissenschaftlich anerkannte Krankheit ist.

"Es stimmt, Burnout ist keine Krankheit im klassischen Sinn, aber ein verbreitetes Syndrom. Unscharf ist der Begriff deshalb, da er einerseits den Endzustand, also die Erschöpfung, und andererseits den Prozess dorthin bezeichnet", erklärte Tomaschek-Habrina.

Burnout sei im Vergleich zu einer Depression gesellschaftlich anerkannt, da es impliziere, man habe sich übermäßig für seine Arbeit verausgabt. Depression bedeute für viele Schwäche, ein Unterschied bestehe aber kaum, so die Autorin. "Mir ist es aber lieber, Menschen sagen, sie hätten Burnout und sprechen darüber, als wenn sie schweigen, da sie sich für ihre Depression schämen."
Erschöpfte Frau (Bild: Fotolia/Gernot Krautberger)
"Depression ist eine Notbremse."
Wie der Körper zu uns spricht
Der Körper sende sehr früh Warnsignale, so die Expertin. "Er kann nur mittels Symptomen zu uns sprechen und teilt uns so mit: 'Pass auf dich auf!'" Solche Symptome sind Ess- und Schlafstörungen, Ängste, Panikattacken und körperliche Beschwerden wie Verspannung oder Herzrhythmusstörungen. Sie treten an den individuellen Schwachstellen des Menschen auf.

"Eine Depression ist eine Notbremse des Organismus und sichert sein Überleben. Er sagt: 'Ich nehme dir die Energie, anders würdest du nicht zurückschalten.' Folglich hat Burnout, so paradox es klingt, einen gesundheitsförderlichen Anteil. Diesen müssen Betroffene erkennen und ihre Gewohnheiten ändern", so Tomaschek-Habrina weiter.

"Viele Menschen, die an Depression gelitten haben, sagen: 'Im Endeffekt habe ich das gebraucht, sonst hätte ich nie etwas verändert. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber es hat sich ausgezahlt'", weiß die Therapeutin aus eigenen Erfahrungen.
Zur Person
Dr. Lisa Tomaschek-Habrina (Bild: Ärztekammer Wien/Gregor Zeitler)Lisa Tomaschek-Habrina gründete 2003 gemeinsam mit Experten das Institut "ibos" für Burnout und Stressmanagement. Seit 2006 leitet sie dieses sowie diverse Programme für Betroffene. Sie begleitet Betroffene psychotherapeutisch in Einzel- und Gruppensettings.

Bei Kongressen ist Tomaschek-Habrina Vortragende und Expertin für Burnout und Stress. In der European Systemic Business Acadamy ist sie als Lehrbeauftragte tätig.

Auf die Kappe der Psychtotherapeutin, Trainerin und Wissenschafterin gehen bereits mehrere Fachpublikationen. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.
Radfahrer (Bild: Fotolia/ChantalS)
Den Körper zu bewegen, kann man einfach in den Alltag integrieren.
Bewegung heißt nicht zwingend Fitnesscenter
Das Audiobook beinhaltet neben Expertenstatements auch Interviews mit Betroffenen, die ihre persönliche Geschichte und Erfahrungen erzählen. Auch das klassische Buch ist in Interviewform geschrieben. "Ich habe es sehr praxisorientiert gehalten", so Tomaschek-Habrina. Sie stellt darin auch Maßnahmen vor, die im Alltag umsetzbar sind.

"Eine einfache Maßnahme ist, auf das BEEP-Prinzip zu achten. Es steht für Bewegung, Entspannung, Ernährung und Psychohygiene. Bewegung heißt aber nicht, dass ich unbedingt laufen oder jede Woche ins Fitnesscenter muss. Es reicht zum Beispiel, in die Arbeit mit dem Rad zu fahren oder eine Station früher auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen", rät sie.
Wer nicht gestresst ist, hat anscheinend nichts zu tun.
Die vier Beine des Tisches Mensch
Ein weiteres Modell, das im Buch vorgestellt wird, ist das Vier-Säulen-Modell: "Für jeden Menschen sind vier Bereiche wichtig: Die Ich-Säule, die soziale Säule, die Arbeit und die Gesellschaft. Man kann sich diese als Tischbeine vorstellen. Wenn eines übermäßig lang oder kurz ist, wackelt der Tisch", erklärt Tomaschek-Habrina.

"Wenn jemand nur arbeitet, keine Pausen macht, sich nicht mehr mit Menschen trifft oder Hobbies aufgibt, ist dessen Arbeitssäule zu lang. Wir können unsere Arbeit gut oder sogar besser machen, wenn wir nicht gestresst ist. Sobald aber jemand ausgeglichen ist und nicht mit hechelnder Zunge herumläuft, heißt es sofort: 'Hast du nix zu tun?'"

"Es sind keine Neuigkeiten, die ich da beschreibe", so Tomaschek-Habrina. "Manchmal muss man es aber in verständlicher, sinnhafter Form lesen oder hören, um einem alles wieder bewusst zu machen. Das habe ich mit dem Buch versucht."

Laura Leuchtenmüller, wien.ORF.at
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