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MI | 21.03 | 17:59
"Frage an die Sterne" von Karl Wilhelm Diefenbach (Bild: Privatsammlung)
Ausstellung
"Kohlrabi-Apostel" in der Hermesvilla
"Lieber sterben als meine Ideale verleugnen", so Karl Wilhelm Diefenbach. Die Ideale des Lebensreformers und "Kohlrabi-Apostels" waren allerdings höchst umstritten. Das Wien Museum widmet dem Exzentriker eine Ausstellung.
"Du sollst nicht töten" von Karl Wilhelm Diefenbach (Bild: Wien Museum/Privatsammlung)
Für Nacktheit, gegen "Sataninstitut"
Ein selbst ernannter Prophet, der barfüßig und nur mit Kutte bekleidet heftig umstrittene Vorträge über Lebenswandel hielt, auf Tabak, Alkohol, Kaffee und Fleisch verzichtete, Nacktheit anpries, freie Liebe praktizierte, aus der Kirche austrat und diese "Sataninstitut" nannte: Das war Karl Wilhelm Diefenbach. Darüber hinaus malte er Gemälde, mit denen er für seine Ideen warb.

Diese werden in der Ausstellung "Der Prophet-Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach" erstmals in Österreich ausgestellt. Als Ausstellungsort wurde die Hermesvilla gewählt.

Die 30 Gemälde wurden zum Großteil noch nie öffentlich gezeigt, darunter ein insgemsamt 68 Meter langer, aus 34 Tafeln bestehender Fries namens "Per aspera ad astra". Diese lateinische Redewendung bedeutet: "Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen."
Diefenbach stellte seine Person zur Schau und gab eine Jesus-Figur. Auch Diefenbachs "Jünger" sind vertreten
Es werde ein "weites Panorama all jener Heilslehren" gezeigt, "die um 1900 en vogue waren und der Mehrheitsgesellschaft reichlich Stoff für Tratsch und Empörung boten", so Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums.

Auch Fotos sollen Diefenbachs Person zeigen. "Er war ja ein großer Inszenierer seiner Selbst. Er betrieb enormes Selbstmarketing, heute würde man Branding sagen", so Kuratorin Michaela Lindinger. "Man erkennt auch gut, wie er sich vom einfachen Kunststudenten mit Pfeife im Mund zu einem Mann mit langen Haaren entwickelte, der nur Wollkutten trug."

"Sein Infragestellen des Christentums überhöhte er, indem er sich als Jesus-Figur inszenierte. Seine Anhänger nannten sich mit Absicht 'Jünger'", so Lindinger weiter. Werke seiner Schüler und Jünger sind in der Ausstellung ebenso vetreten.
"Der Rettung entgegen" von Karl Wilhelm Diefenbach (Bild: Wien Museum/Privatsammlung Rom)
Diefenbach wurde aufgrund seiner nackten Sonnenbäder angeklagt. Erster Nudistenprozess in Deutschland
Ende des 19. Jahrhunderts zog Diefenbach von München nach Wien. In Deutschland hatte der Exzentriker bereits für Aufmerksamkeit gesorgt.
Es gab Auseinandersetzungen mit Behörden wegen Verwahrlosung seiner Kinder und seiner nackten Sonnenbäder. Er war schließlich Angeklagter im ersten Nudistenprozess in der deutschen Geschichte.

Außerdem wurde Diefenbach als "Kohlrabi-Apostel" verspottet. Der Begriff wurde als Bezeichnung für lebensreformerische Prediger verwendet.

Diefenbach kam nach Einladung des Wiener Kunstvereins, der finanziell nicht gut dastand, nach Wien. Nach Veruntreuung von Geldern durch die Kunstvereins-Leitung und Versteigerung von Diefenbachs Gemälden ging dieser leer aus und musste sich obdachlos melden.
"Himmerlhof" als Vorläufer mehrerer alternativer Lebensgemeinschaften. Kommune des "Nichtstuns und Dochlebens"
Er ließ sich aber nicht beirren und gründete die Kommune "Himmelhof" in Ober St. Veit. Hier herrschte er autoritär über 24 Gleichgesinnte, die dem "Meister" Aufzeichnungen über ihren Tagesablauf vorlegen mussten.

Das provokante Leben am Himmelhof brachte eine Reihe von Schmähartikel gegen Diefenbach hervor, zum Beispiel unter dem Titel "Der Meister des Nichtstuns und Dochlebens". Die Kommune wurde ein Vorläufer vieler alternativer Lebensgemeinschaften im 20. Jahrhundert.

Seine letzten Jahre verbrachte Diefenbach auf der Insel Capri. 1913 starb er dort, ohne den künstlerischen Durchbruch geschafft zu haben und geriet bald in Vergessenheit.
Karl Wilhelm Diefenbach mit seiner Kommune "Himmelhof" (Bild: Wien Museum/Archiv der Spaun-Stiftung, Seewalchen)
"Radio Wien", Gut gelaunt in den Tag,
7. April