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MI | 11.04.2012
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Fall Kampusch
Verdächtiger Entführer beging Selbstmord
Der 44-jährige Nachrichtentechniker Wolfgang P. hat Selbstmord begangen. Das teilte das Bundeskriminalamt mit. Er soll Natascha Kampusch entführt und acht Jahre lang in einem Verlies festgehalten haben.
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Großfahndung lief in ganz Ostösterreich
Vor Zug geworfen
Der mutmaßliche Entführer soll sich kurz vor 21.00 Uhr an der Schnellbahnstrecke in der Nordbahnstraße in Wien-Leopoldstadt vor einen Zug geworfen haben, der in Richtung Floridsdorf fuhr, so Gerhard Lang vom Bundeskriminalamt.

Bei der Suche nach dem Verdächtigen waren "alle verfügbaren Beamten im Einsatz", so Karl Mahrer, Landespolizeikommandant von Wien. Es gab mehrere Einsätze in verschiedenen Bereichen von Wien. Dennoch konnte der Mann nicht rechtzeitig gestellt werden.

Der Wagen des Mannes, ein roter BMW, war nach einer Verfolgungsjagd durch Wien und Niederösterreich in Wien-Donaustadt beim Donauzentrum gefunden worden. Polizisten bewachten das Einkaufszentrum. Zivilbeamte fahndeten mittels Täterbeschreibung und Fahndungsfoto.
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Polizeifahrzeuge standen in der Nacht im Eingangsbereich zu den Gleisanlagen der Nordbahn in Wien Leopoldstadt, wo sich der mutmaßliche Entführer vor einen Zug warf.
Haus des mutmaßlichen Entführers in Strasshof (Bild: ORF)
Das Haus des mutmaßlichen Entführers im niederösterreichischen Strasshof.
Verlies entdeckt
Ebenfalls Mittwochnachmittag absolvierten die Beamten drei Hausdurchsuchungen - zwei in Wien und eine in Strasshof. Dem Haus, wo die Frau festgehalten worden sein soll, näherten sich die Einsatzkräfte sehr vorsichtig. Es wurde für möglich gehalten, dass er das Gebäude mit Sprengfallen oder Ähnlichem gesichert hatte.

Spezialisten durchsuchten das Haus schließlich und entdeckten eine "verliesartige Garage", in der die 18-Jährige festgehalten worden sein könnte. Sprengfallen wurden hingegen nicht gefunden.

Das Verlies hätte sich in einer vier mal drei Meter großen Montagegrube befunden, hieß es. Der Durchgang im Ausmaß von 50 mal 50 Zentimetern sei mit einem schalldichten Tresor versperrt, wenn der mutmaßliche Täter nicht zu Hause war. In dem 1,60 Meter hohen Abteil würden sich ein Hochbett und Regale mit Kinderbüchern bis zu heutiger Literatur befinden.
Polizei-Einsatz bei Fahndung nach Kampusch-Entführer (Bild: ORF)
Polizei stürmte auch die Wohnung der Zulassungsbesitzerin des BMW in der Donaustadt. Dort war aber niemand.
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Sondereinheit bei der Arbeit
Anrainer alarmierten die Polizei
Frau taumelte in Garten
Der Polizei zufolge wurde um 13.04 Uhr ein Funkwagen alarmiert, der zu einem Haus in Strasshof (Bezirk Gänserndorf) fahren sollte. Dort habe sich eine junge Frau befunden, die behauptete, sie sei Natascha Kampusch und gerade aus einem Versteck im Keller eines Hauses entkommen, wo sie acht Jahre festgehalten worden war.

Zumindest in letzter Zeit dürfte sie häufiger Haus- und Gartenarbeiten für ihren Entführer durchgeführt haben: Die junge Frau konnte fliehen, während sie das im Garten abgestellte Auto des Mannes aussaugte. "Wegen des Lärms hat sich der Verdächtige einige Meter entfernt, um ein Telefongespräch zu führen. Natascha hat die Situation erkannt und ist aus dem Garten geflohen", hieß es.

Die zu dem Fall eingerichtete Sonderkommission wurde ebenfalls nach Niederösterreich gerufen: "Es wurde wahrscheinlicher und wahrscheinlicher, dass es sich um Natascha Kampusch handelt."
Liese Prokop (Bild:APA)
Mann dürfte nervös geworden sein
Prokop: "Verdachtsmomente erhärtet"
Das Auffinden der Frau dürfte auf jeden Fall nicht zufällig gewesen sein, so Innenministerin Liese Prokop (ÖVP) gegenüber dem ORF. Die Verdachtsmomente hätten sich in den vergangenen Tagen erhärtet, das könnte bei dem mutmaßlichen Täter zu einem zunehmenden Druck geführt haben, so dass er die Nerven verloren haben dürfte.

Auch nach Angaben von Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt sind intensive Ermittlungen vorangegangen: "Wir waren seit geraumer Zeit knapp dran", sagte er. Es habe schon am Dienstag einen Großeinsatz an der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich gegeben. Allerdings habe man geglaubt, nach der Leiche des Mädchens suchen zu müssen.

Vor zwei Wochen hatte sich ein Insasse einer Justizanstalt mit einer Information an die Behörden gewandt, was dazu führte, dass am Mittwochnachmittag im Lainzer Tiergarten mit Grabungsarbeiten hätte begonnen werden sollen.
Ludwig K., Vater der vermissten Natascha Kampusch (Bild: APA) Vater kann es nicht fassen
Der Vater von Natascha Kampusch, Ludwig Koch, zeigte sich in einer ersten Reaktion überwältigt. Er könne nicht glauben, dass seine Tochter nach mehr als acht Jahren wieder aufgetaucht ist, so der Mann im ORF-Interview.
Natascha war bei ihrem Verschwinden zehn Jahre alt.
Viele Fragen, kaum Antworten
Am 2. März 1998 war die damals zehnjährige Natascha zu Fuß in ihre Volksschule unterwegs. Um 7.15 Uhr hätte ihr Förderunterricht beginnen sollen. Eine Schulfreundin will gesehen haben, wie sie von Unbekannten in einen Kleinbus gezerrt wurde. Dann verlor sich ihre Spur.

Es folgte die größte polizeiliche Suchaktion, die je in Wien stattgefunden hat. Doch acht Jahre vergingen ohne ein Lebenszeichen von dem Mädchen.

Bewegung kam im Juni 2003 in den Fall Natascha Kampusch. Damals ließ die Polizei im Uferbereich des Schotterteichs graben. Die Beamten fanden jedoch keinen Hinweis auf den Verbleib des Mädchens.
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