Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Verlies (Bild: BKA)
Fall Kampusch
Opfer mit "schwerem Stockholm-Syndrom"
Vollständiger Verlust der Kontrolle, ausgeliefert sein, eine ungewisse Zukunft. Ängste wie diese dürften Natascha Kampusch acht Jahre lang geplagt haben. Eine Reaktion darauf sei das "Stockholm-Syndrom", sagen Psychologen.
In diesem Keller wurde die Frau jahrelang gefangen gehalten
Viele suchen die Schuld bei sich
Laut Berufsverband der Österreichischen Psychologen ist Gefangenschaft in Isolation eines der schlimmsten Szenarios, denen ein Mensch ausgesetzt sein kann.

Alles, was dem Opfer eine Erklärung für seine Situation bietet, sei als Überlebensstrategie geeignet. "Viele suchen die Schuld bei sich selbst", sagte die Traumapsychologin Eva Münker-Kramer. Vor allem missbrauchte Frauen würden häufig so reagieren. In extremen Fällen werden "Teile der Wirklichkeit weggespalten. Das ist so als würde man das Erlebte vergessen", erklärte sie.

Diese "verkapselten" Stücke Realität (dissoziierte Erinnerungen) können nach Jahren wieder aufbrechen - etwa wenn Gerüche oder Geräusche Opfer an das Trauma erinnern. "Oder sie kommen nie wieder - dann spricht man von Erinnerungslücken", sagte Münker-Kramer.
Hintergrund
Bei lang andauernden Entführungen und Geiselnahmen wurde wiederholt dieses Syndrom beobachtet. Für Außenstehende auf den ersten Blick unverständlich, entwickeln die Opfer in der lebensbedrohlichen, als ausweglos empfundenen Situation Sympathie für die Täter oder solidarisieren sich mit deren Zielen.

Das Phänomen ging 1973 nach einem Banküberfall in der schwedischen Hauptstadt in die wissenschaftliche Literatur ein, als sich dort ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Geiselnehmern und Opfern entwickelt hatte.
Identifikation mit Peinigern
Unterbewusster Schutzmechanismus
Bei dem auch bei den Tätern zu beobachtenden Syndrom handelt es sich um einen unterbewussten psychologischen Schutzmechanismus.

Vor dem Gefühl, ausgeliefert zu sein, schützen sich die Betroffenen seelisch dadurch, dass sie sich mit ihren Peinigern identifizieren. So versuchen sie, ein Minimum an Kontrolle aufrecht zu erhalten. "Wenn ich alles richtig mache, dann überlebe ich", so die Überlebensstrategie laut Psychologenverband.

Diese Bindung kann auch nach dem Ende der Gefahr weiter bestehen. In Extremfällen stellen sich die Geiseln bei ihrer Befreiung sogar vor
ihre Entführer und sehen die Polizei als Bedrohung an.
Frau selten in der Öffentlichkeit
In den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft dürfte Natascha kampusch nie außerhalb des Hauses gewesen sein. In jüngster Zeit soll sie aber auch mit dem mutmaßlichen Entführer einkaufen gewesen sein, sei aber derart eingeschüchtert gewesen, dass sie sich keinen Meter von ihm weg gewagt hätte.

Wahrscheinlich war die Frau bis zuletzt öfter
physischer Gewalt und wahrscheinlich auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt, hieß es von den Ermittlern.

Zeugen gaben sogar an, die junge Frau hin und wieder gesehen zu haben, sagte Erich Zwettler vom Bundeskriminalamt. Die Frau leide an einem schweren Stockholm-Syndrom.
Eine Traumatherapie ist nötig.
Ablenkungstechniken für Natascha
Um Natascha bei der Bewältigung ihres Traumas zu helfen, müssen Psychologen nun dem Verarbeitungstempo der Betroffenen folgen. "In diesem Fall ist eine gezielte Traumatherapie nötig", sagte die Psychologin.

Spezielle Ablenkungstechniken könnten der jungen Frau zudem helfen, wieder "alltagstauglich" zu sein. Wenn Bilder ihres Martyriums wiederkehren, könne sie sich etwa mit Sätzen wie "Ich bin jetzt in Sicherheit. Ich bin nicht in dem Verlies" in die Realität zurückholen, meinte die Expertin.
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