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MI | 11.04.2012
Kampusch (Bild: APA/ORF)
CHRONOLOGIE
Der Fall Kampusch
Am 23. August 2006 ist das Unglaubliche wahr geworden. Die seit acht Jahren vermisste Natascha Kampusch konnte von ihrem Entführer flüchten. Spekulationen über die Tat waren jahrelang die Folge. Eine Chronologie.
Kampusch (Bild: EPA/Marcus Brandt) Diskussion über "freiwillige Rückkehr"
Am zweiten Tag des neuen Jahres sorgte wieder ein Zeitungsartikel für Aufregung in der Causa Kampusch. Das Nachrichtenmagazin "profil" behauptete, dass Kampusch zweimal weggelaufen, aber danach von sich aus zurückgegangen sei.

Diese Darstellung wurde sofort von der Oberstaatsanwaltschaft zurückgewiesen. Kampusch selbst sprach von einer Lüge. Sie wäre niemals freiwillig zurückgegangen.
Ludwig Adamovich (Bild: APA/Roland Schlager) Adamovich für Aussagen verurteilt
Mit der Aussage "Es ist denkbar, dass die Zeit ihrer Gefangenschaft allemal besser war als das, was sie davor erlebt hat" ließ Ludwig Adamovich aufhorchen. Der Anwalt von Natascha Kampusch sprach von einer "unzumutbaren Wortwahl". Am 24. Dezember wurde Adamovich schließlich nicht rechtskräftig zu 10.000 Euro teilbedingter Geldstrafe verurteilt.
Kampusch-Anwalt Gerald Ganzger (Bild: (APA/Robert Newald) Kampusch-Anwalt gegen neue Einvernahme
Nach dem Vorstoß von Adamovich, dem Leiter der Evaluierungskommission, schloss die Staatsanwaltschaft nun nicht mehr aus, dass Natascha Kampusch neuerlich befragt werde. Besonders scharfe Kritik übte Kampuschs Anwalt.

Von einem unwürdigen Schauspiel auf dem Rücken des Opfers sprach Kampusch-Anwalt Gerald Ganzger im ORF-Radio und fügte hinzu: "Im Übrigen weiß ich auch gar nicht, warum hier die Amtsverschwiegenheit nicht einzuhalten wäre."
Kampusch angeblich nicht ausreichend befragt
Neue Kritik übte die Evaluierungskommission nach der Einsichtnahme in die Einvernahmeprotokolle von Kampusch. Sie sei nach ihrer Flucht nicht ausreichend befragt worden, hieß es. Die Staatsanwaltschaft wies Vorwürfe zurück.
Natascha Kampusch (Bild: APA/EPA/Markus Leodolter) Ermittler können Kampusch-Akt einsehen
Die Staatsanwaltschaft Wien reagierte auf die jüngste Kritik Adamovichs. Sie gewährte Einblick in die Einvernahmeprotokolle. Ermittler des Bundeskriminalamts konnten die bisher unter Verschluss gehaltenen Protokolle lesen.
Fall Kampusch: Zweifel an Einzeltätertheorie
Adamovich meldete in einem Interview schwere Zweifel an der Einzeltäterversion an. Die Wahrscheinlichkeit sei "sehr, sehr gering". Weiters schloss der Jurist Erpressung nicht aus: "Es könnte durchaus sein - im Zusammenhang mit irgendwelchem Material, das für sie unangenehm ist."
Kampusch: Zweiter Staatsanwalt prüft
Seit Anfang Juli prüfte auch ein Grazer Staatsanwalt die Ermittlungen im Entführungsfall Kampusch. Er solle die Arbeit der Wiener Behörde als "zweites Auge" ergänzen, hieß es aus dem Justizministerium.
Ludwig Adamovich (Bild: APA/Robert Jäger) Kampusch-Kommission wieder im Einsatz
Die Kommission, die den Fall Kampusch untersucht hat, nahm ihre Arbeit auf Wunsch von Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) wieder auf. Grund war die Veröffentlichung interner E-Mails aus dem Innenministerium.
Die heute 31-Jährige im Thema-Interview von hinten Weiteres Opfer von Priklopil aufgetaucht
Wolfgang Priklopil soll 1985 ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Die Tat sei 13 Jahre vor dem Kidnapping von Kampusch passiert. Die Frau wisse, was ihr passiert sei, die Beweise habe sie in ihrer Erinnerung.
Natascha Kampusch im Rahmen eines Interviews mit der APA im August 2008 (bild: APA/Herbert Pfarrhofer) Fall Kampusch wird neu aufgerollt
Die Ermittlungen im Fall Kampusch wurden neu gestartet werden. Dabei ging es vor allem darum, ob tatsächlich nur eine Person oder doch mehrere Täter für die Entführung der damals Zehnjährigen verantwortlich waren.
Natascha Kampusch (Bild: APA/Puls 4/Martin Moravek) Entführungsopfer bleibt in Schlagzeilen
Auch zwei Jahren nach ihrer Flucht aus achtjähriger Gefangenschaft schaffte es Kampusch entgegen ihrer Absicht nicht, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Immer wieder gab es Ereignisse, die Kampusch erneut in die Schlagzeilen brachten. Andererseits brachte sie sich auch selbst immer wieder ins Spiel.
Kampusch (Bild: ORF/Günther Pichlkostner) Kampusch will Gerechtigkeit
Nach Bekanntwerden von Ermittlungspannen geht es Kampusch um Gerechtigkeit, nicht um Geld. Das sagte sie in einem Interview mit Christoph Feurstein.

Kampusch: "Ich dachte, das wäre das Natürlichste der Welt, dass man einfach sucht, mit Spürhunden. Und dass man gerade das dann eben nicht gemacht hat, als man diese Kastenwägen untersucht hat, das ist schon irgendwie sonderbar."
Haidinger (Bild: APA)
Hätte Kampusch bereits acht Jahre früher wieder frei sein können?
Enthüllungen bringen dramatische Wende
Nach rund eineinhalb Jahren Freiheit kam der Fall auf ungeahnte Weise neu auf den Tisch. Grund waren Aussagen des ehemaligen BK-Chefs Herwig Haidinger. Demnach gab es bereits kurz nach der Entführung konkrete Hinweise auf den Entführer Proklopil.

Der grüne Abgeordnete Peter Pilz veröffentlichte zudem E-Mails, in denen Haidinger den für die Bundespolizei zuständigen Kabinettsmitarbeiter Bernhard Treibenreif mehrfach darauf hinwies, dass geklärt werden müsse, warum dem neuerlichen Hinweis auf Priklopil nicht nachgegangen wurde. Er bekam den Eindruck, "dass hier etwas vertuscht werden sollte". Treibenreif wies ihn an, "die Angelegenheit ohne größere Eklats abzuschließen - wäre ja schade darum".

Eine Evaluierungskommission mit externen Experten nahm den Fall nun unter die Lupe.
Kampusch (Bild: ORF) Kampusch: "Keine Worte für Qual oder Leid"
Ein Jahr nach der Flucht sprach Kampusch in einem "Thema spezial" über ihre Gefangenschaft und ihr neues Leben in Freiheit.

"Dass niemand mein Schicksal verstehen kann, das will ich nicht behaupten", sagte Kampusch ORF-Journalist Feurstein "Dass es keine Worte und keine Definitionen für Qual oder Leid gibt, das wohl eher."
Buchpräsentation Sirny-Kampusch (Bild: ORF) Mutter präsentierte Buch
Unter großem Medieninteresse wurde das Buch "Verzweifelte Jahre – Mein Leben ohne Natascha" von Kampuschs Mutter Brigitta Sirny im August präsentiert. Sie erzählt darin, wie sie die vergangenen Jahre erlebt hat. Kampusch war bei der Präsentation anwesend.
Kampusch: Kein Interesse an Verfilmung
Der deutsche Fernsehproduzent Nico Hofmann bemühte sich zuletzt offenbar intensiv um die Rechte an der Geschichte Kampuschs. Sie zeige derzeit allerdings kein Interesse, sagte ein Sprecher.
Doku: Wie geht es Kampusch?
Das Leben von Kampusch nach acht Jahren Gefangenschaft zeigte der ORF am 3. Jänner in einer Dokumentation. "Man sieht nichts, man hört nur. Man hört das eigene Blut rauschen, man spürt die Enge, die Kälte", so Kampusch über ihre Gefangenschaft.

In dem Interview sprach Kampusch erstmals über Details ihrer Entführung, ihre Ängste und das Verhalten ihres Entführers.
Kampusch (Bild: APA) 29. September: Wieder in Schlagzeilen
Kampusch absolvierte ihren ersten öffentlichen Auftritt bei der "Licht ins Dunkel"-Gala seit dem ORF-Interview im TV. Für Aufregung sorgte unterdessen das Buch über Kampusch, das zur selben Zeit in Großbritannien auf den Markt kam. Ihre Anwälte kündigten an, mit allen Mitteln gegen eine Missachtung der Persönlichkeitsrechte vorgehen zu wollen.
Aktenstapel. (Bild: ORF) 17. November: Akte wird geschlossen
Am 17. November stellte die Staatsanwaltschaft Wien das Verfahren wegen Freiheitsentziehung im Fall Kampusch ein. Die Polizei gab das Ende ihrer Ermittlungen schon kurz davor bekannt. Fazit: Priklopil war ein Einzeltäter.
Fachleute für Kampusch-Foundation
Die Natascha-Kampusch-Foundation befindet sich nach wie vor in der Gründungsphase. Die 18-Jährige will damit unter anderem Frauen in Mexiko helfen. Bisher wurden schon verschiedene Fachleute kontaktiert.
Ende September: In Wohnung übersiedelt
Ende September 2006 übersiedelte die junge Frau in eine betreute Wohngemeinschaft. Ihre Betreuer warnen unterdessen vor einer Verharmlosung des Falles.
Kampusch (Bild: ORF) 6. September: Das erste Interview
In der Abendausgabe der "Kronen Zeitung" und im zeitgleich erscheinenden "News" wurden die Interviews abgedruckt.
Ecker (Bild: APA)
Medienberater Ecker.
4. September: ORF-Interview fixiert
PR-Profi Dieter Ecker kündigte die ersten Interviews mit Kampusch an. Das Rennen machten der ORF, die "Kronen Zeitung" und "News". Kampusch habe sich für diese Blätter entschieden, "weil deren Verantwortliche auch soziale Kompetenz gezeigt und sich bereit erklärt haben, Frau Natascha Kampusch einen Start in eine menschenwürdige Zukunft zu ermöglichen".
31. August: Heftige Kritik an "News"
An der Berichterstattung des Wochenmagazins "News" wurde Kritik laut. Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich sprach sogar von einer "möglichen Re-Traumatisierung durch die öffentliche Bloßstellung des Opfers".
Freund von Wolfgang P. (Bild: ORF) 30. August: Freund des Entführers spricht
Großen Andrang gab es bei einer Pressekonferenz des Freundes von Priklopil, der eine Stellungnahme verliest ("Ich habe die ganze Zeit nichts davon bemerkt"). Die Mutter des Entführers schrieb an die Medien, dass sie zu keiner Stellungnahme bereit ist.
Max Friedrich (Bild: APA)
Friedrich liest Brief vor.
28. August: Appell von Kampusch an Medien
Kampusch gab eine erste eigene Stellungnahme ab, die Friedrich bei einem Pressegespräch verlas: "Lasst mir Zeit, bis ich selbst berichten kann." Die 18-Jährige sprach auch von ihrem Alltag mit Priklopil: "Dieser fand geregelt statt, meist ein gemeinsames Frühstück - er hat ja meist nicht gearbeitet -, Hausarbeit, lesen, fernsehen, reden, kochen. Das war es, jahrelang. Alles mit Angst vor der Einsamkeit verbunden."
Zeitungen mit Natascha Kampusch am Titelblatt (Bild: APA) 29. August: Ganz Österreich gespannt
84,3 Prozent der Österreicher verfolgten die Berichtererstattung zum Fall Kampusch aufmerksam, ging aus einer Umfrage von Oekonsult hervor. 70 Interviewanfragen an Kampusch gab es laut PR-Berater Ecker, Medienmanager des Entführungsopfers. Diese Zahl stieg in den folgenden Tagen auf rund 400.
Max Friedrich (Bild: APA)
Friedrich warnte Medien vor "zweiter Viktimisierung".
26. August: Medieninteresse steigt weiter
Friedrich warnte vor einer "zweiten Viktimisierung" von Kampusch und kritisierte die Berichterstattung. Die in die Betreuung eingebundene Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits sagte, dass Kampusch "mit großem Interesse" die Berichterstattung über ihren Fall verfolgt.

Berichte über hohe Geldsummen, die für Interviews mit der jungen Frau geboten werden, machten die Runde.
Bild: APA 26. August: Eindeutig Kampusch
Das Haus in Strasshof wurde weiter von Journalisten umlagert. Auch Kamerateams deutscher Medien harrten vor dem Tatort aus. Zu Mittag wurde das DNA-Ergebnis bekannt: Bei der Frau handelt es sich zu 100 Prozent um Natascha Kampusch. Friedrich übernahm mit einem Team die Betreuung des Entführungsopfers.

Die Polizei veröffentlichte Bilder und ein Video vom Verlies. Medien begannen über Details der Beziehung von Kampusch zu Priklopil zu berichten, die nicht aus offiziellen Quellen stammen.
Bild: APA 24. August: Erste Pressekonferenz
Bei einer Pressekonferenz der Ermittler in der Früh herrschte enormer Medienandrang, auch international wurde berichtet. Die Familie von Kampusch ersuchte in einem Brief an die Presse, die Angehörigen "betreffs Interviews und Fragen nicht zu belästigen". In der ORF-Sendung "Thema" gab eine Polizistin, die das Entführungsopfer nach ihrer Flucht nach Wien begleitet hat, persönliche Details bekannt.
Haus von Wolfgang Priklopil von oben (Bild: stamberg) 23. August: Die Flucht
"Es ist eine Sensation: Eine junge Frau behauptet, die seit acht Jahren vermisste Natascha Kampusch zu sein." So lautete die erste Meldung am 23. August 2006 in wien.ORF.at.

Das Haus in Strasshof, in dem Kampusch acht Jahre lang von Priklopil gefangen gehalten wurde, wurde von Medien belagert. Erste Details gaben Ermittler am Tatort bekannt: Die Frau durfte in ihrem Verlies "Radio hören, fernsehen nur eingeschränkt". Nach dem Entführer lief eine Großfahndung. Kurz vor Mitternacht wurde bekannt, dass der Entführer Selbstmord begangen hatte.
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