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MI | 11.04.2012
Friedrich (Bild: ORF)
Fall kampusch
Team immer für sie da
Nach dem ersten ORF-Interview ist für Natascha Kampusch nun Ruhe angesagt. Ihr Betreuerteam ist rund um die Uhr für sie da. In den Zeitungen gab es unterdessen Worte der Bewunderung für Kampusch, aber auch Kritik am Medienhype.
Friedrich: Mindestens eine Woche bis zehn Tage absolute Ruhe
Traumata bewältigen
"Frau Kampusch braucht nach den letzten Tagen Ruhe und Schutz. Ich bin autorisiert, Ihnen das mitzuteilen. Sie braucht eine Ruhephase von mindestens einer Woche bis zehn Tagen", so Kinder- und Jugendpsychiater Max Friedrich. Die schwierige Phase stehe ihr noch bevor.

"Sie hat viele Phasen ihres Lebens nicht altersadäquat gelebt. Sie braucht das Finden ihres eigenen Ichs", fügte er hinzu. Die Betreuer helfen ihr derzeit in der ersten Phase der Bewältigung des erlittenen Traumas.

Friedrich: "Sie ist noch in der ersten Phase: 'Ich bin frei, aber ich kenne mich nicht aus, wie das ist.'" Die endgültige Verarbeitung des Erlebten werde noch Jahre dauern.
Kontakt mit Mutter
Sirny (Bild: ORF)"Sie ist eine freie Frau", so Friedrich. "Die körperliche Liebe zu den Eltern wird sie erleben können, wenn sie es möchte. Zur Mutter besteht Kontakt. Diese kommt zu ihr, wenn sie es will."

Mit dem Vater habe Natascha Kampusch ein Treffen ganz kurz nach dem Wiedererlangen der Freiheit gehabt, dann sei aber der Kontakt abgerissen. Der Psychiater: "Was zwischen den beiden gelaufen ist, weiß ich nicht."
Ob Kampusch wirklich ein Buch schreiben wird, ist noch nicht entschieden.
Intimsphäre strengstens wahren
Körperlich befinde sich die junge Frau in einem guten Zustand. Fast ein Wunder sei es, dass sie in den vergangenen acht Jahren nie dringend einen Arzt gebraucht habe. Wahrscheinlich bis Ende September wird Kampusch im AKH bleiben. Dann steht - wenn sie dazu bereit ist - die Übersiedlung in eine betreute Wohnung auf dem Programm.

Weiterhin werde man ihre Intimsphäre strengstens wahren und sie vor zudringlicher Öffentlichkeit schützen. Im Endeffekt werde es auch darauf ankommen, die junge Frau für das ganz normale praktische Leben "draußen" vorzubereiten.

Ob Kampusch wirklich ein Buch schreiben wird, ist noch nicht entschieden. Für eines der Interviews erhielt sie als Geschenk ein leeres Buch und eine Füllfeder. Friedrich: "Buchschreiben selbst ist ein Element der Einsicht, der Reflexion. Man kann dabei auch Schauer und Freude erleben. Aber natürlich ist sie jetzt erschöpft."
2.000 Kinder pro Jahr betroffen
Im Jahr gibt es in Wien rund 2.000 traumatisierte Kinder. Natascha Kampusch sei einzigartig in ihren Erlebnissen, sie sei nicht einzigartig in ihrem Trauma, so Friedrich.
"Da verschwindet ein Mensch, wird für tot gehalten - und steht wieder von den Toten auf."
Friedrich: "Einfach ein Wunder"
Warum die Öffentlichkeit so am Schicksal von Natascha Kampusch teilnehme? Der Jugendpsychiater hat seine eigene Theorie: "Es ist einfach ein Wunder. Da verschwindet ein Mensch, wird für tot gehalten - und steht wieder von den Toten auf. Es tritt eine Frau mit einer fantastischen Sprache an die Öffentlichkeit. Das nimmt Wunder. Irgendwo auf der Welt ist jemand wieder auferstanden."
Presse (Bild: APA)
Natascha Kampusch machte weltweit Schlagzeilen.
"Paparazzi-Horden" geben Ruhe
Das Interesse der Medien und der Bevölkerung ist weiter sehr groß. So betonten in einer aktuellen Umfrage jedenfalls 95,6 Prozent der Österreicher, dass sie weiter Anteil am Schicksal der jungen Frau nehmen. In den Medien gab es vor allem Bewunderung für die heute 18-Jährige. Kritik wurde aber an den Medien selbst geübt.

Das Vorhaben, mit dem Interview den Druck von dem Entführungsopfer zu nehmen und sie vor der Verfolgung durch Paparazzi zu schützen, sei geglückt, betonte hingegen der Medienberater von Kampusch, Dietmar Ecker. "Es ist gelungen. Die ersten internationalen Medientrupps haben Wien bereits wieder verlassen", so Ecker. Auch die "Paparazzi-Horden" würden nun, nachdem das Gesicht des berühmten Entführungsopfers bekannt ist, "Ruhe geben".

Befürchtungen hegte der Berater allerdings, dass nach dem Medienhype nun der große Schwarm an "Heuschrecken" auftauchen könnte, die an Natascha Kampusch verdienen wollen. Er betonte dabei, dass Kampusch weder bei "lustigen Events" auftreten werde noch für irgendwelche Fotostrecken zur Verfügung stehe.
Preis geht in verschiedenen Kategorien an berühmte Frauen.
Frau des Jahres & Berlin-Reise
Die Meldungen im Fall Kampusch reißen auf jeden Fall nicht ab: "News"-Herausgeber Oliver Voigt kündigte an, dass Natascha Kampusch den ersten österreichischen "Women's World Award" bekommen solle.

Diese Auszeichnung, die am 14. Oktober von Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow verliehen und von den US-Schauspielern Terry Hatcher und Michael Douglas im New Yorker Madison Square Garden überreicht werden soll, geht in verschiedenen Kategorien an berühmte Frauen.

Weiters hat Berlin Tourismus laut der "Berliner Morgenpost" Natascha Kampusch und ihre Schwester nach Berlin eingeladen. Die 18-Jährige hatte in dem ORF-Interview erzählt, sie träume von einer Kreuzfahrt oder einer Fahrt nach Berlin.
Spendenkonto für Kampusch
Der ORF hat ein Spendenkonto für Natascha Kampusch eingerichtet. Der Gesamterlös dieser Spendenaktion kommt zur Gänze Frau Kampusch zugute und steht zu ihrer freien Verfügung:

BA-CA (BLZ 12.000)
Kontonummer: 50.000.010.001
Kennwort: Natascha Kampusch Foundation
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