Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Nase (Bild: APA)
Rotraud A. Perner
Das Phänomen "Neusprech"
Selbstmarketing, hohle Phrasen und eingängige Slogans setzen sich auch in der Sprache immer öfter durch. Und das lange nicht nur bei Politikern. Rotraud A. Perner in Ihrer wien.ORF.at-Kolumne über diese Art von "Neusprech".
Neue Phänomene in der alltäglichen Kommunikation.
Slogans und Co?
In George Orwells Roman "1984" gibt es in "Ozeanien" ein Wahrheitsministerium – "Miniwahr", wie es in der "Neusprache" (ich beziehe mich auf die Übersetzung von Kurt Wagenseil) heißt – in dessen Front die drei Wahlsprüche der Partei eingemeißelt sind: "Krieg bedeutet Frieden – Freiheit ist Sklaverei – Unwissenheit ist Stärke".

An diese Neusprache oder Neusprech, wie sie in einer neueren Übersetzung heißt, und die "Zwei-Minuten-Hass-Sendung", in der sie in Ozeanien verbreitet wird, musste ich denken, als ich den Chef des BZÖ in der ZiB donnern hörte, die Regierung solle "arbeiten oder abtreten".

Wenn solch ein Slogan oft genug wiederholt und gehört wird, glauben unkritische Geister vielleicht sogar, dass in der Regierung nicht gearbeitet wird – so wie mir einmal meine SupervisandInnen aus einer Sozialeinrichtung erzählten, es wäre eine Familie mit zwei kleinen Kindern bei ihnen vorstellig geworden und deren etwa vierjähriger Sohn habe sich im Amt umgeschaut und dann lauthals gekräht: "Und die schlafen wirklich da? Wo sind denn die Betten?"
Mythen verankern
Als ich noch Favoritner Kommunalpolitikerin war, hat man uns in den Politschulungen immer wieder gesagt, wir sollten doch bei allem, was wir sagen, in stolz-lobendem Ton den Namen unserer Partei unterbringen, sozusagen das akustische Gedächtnis der Zuhörerschaft damit vollspeichern.

Mit solchen Suggestivsätzen werden die so genannten Glaubenssätze oder Mythen verankert, und überprüft man sie, so stellen sie sich meist als Vorurteile heraus, die einer Nachprüfung nicht standhalten.

Nur: so leicht wird man diese "Kopfbewohner" nicht los – dazu braucht es mehr als nur kontrollierendes Nachdenken. Je emotionaler, je "witziger" oder schockierender solche "Sager" sind, desto fester sitzen sie, und wenn noch, wie in Filmen oder auch in den Spots der Produktwerbung, ein "Ohrenschlieferl" – eine ansprechende bzw. erregende Musik dazu kommt – desto länger schleppt man so einen Ohrwurm mit sich herum.
Publikumsgerechte Sager besser als seriöse Aussagen?
Jeder sein eigener Talkmaster
In meinem neuen Buch "Wort auf Rezept" kritisiere ich, dass immer mehr Politiker primär versuchen, einen originellen "Sager" anzubringen, um das Publikum zum Gröhlen zu bringen – und am liebsten Unzählige via Medien. Damit verzichten sie oft auf seriöse Aussagen. So nach dem Motto "Jeder sein eigener Talkmaster".

Derzeit scheint diese Unsitte ja auch bei manchen Ärzten Einzug zu halten. Die Zuhörerschaft reagiert dann bestenfalls verwirrt, selten ungläubig und kaum ablehnend (das tun dafür die jeweiligen Gegner).

Aber vielleicht wird es bald Pflicht werden, so wie Werbeeinschaltungen in der Gestalt redaktioneller Artikel als Werbung gekennzeichnet sein müssen, auch seine Worte mit "Spaß", "Satire", "Ego-Marketing" oder "Im Auftrag von" etc. auszuweisen…und dies ist jetzt auch der Versuch eines Scherzes.
"Gespür" geht verloren
Aber im Ernst: "s scheint so, als ob das "Gespür", was ernst gemeint ist oder was nicht, was wo hin passt und wohin nicht, immer mehr verloren zu geht. Das konnte man etwa auch an dem internationalen Karikaturenstreit wahrnehmen.

Ich finde es auch gut so, zu protestieren, wenn angeblich humorig, in Wirklichkeit rücksichtslos verletzt wird, was für jemanden hohen Wert besitzt – nur: Todesdrohungen sind nicht die angemessene Antwortsform. Auch nicht, jemanden mundtot machen zu wollen.

Das ist eines der Probleme, mit der sich viele Lehrkräfte immer mehr konfrontiert sehen: wie zum kritischen (und auch selbstkritischen) Denken anregen, ohne gewalttätig zu werden, wenn statt konstruktiver Kritik destruktive Brutalität geübt wird?
Nein der Einwegkommunikation
Sich vertragen heißt: Verträge aushandeln, Spielregeln vereinbaren und auch einhalten. Dazu sollte man miteinander reden – damit partnerschaftlich ausgehandelt wird.

Einwegkommunikation ist dazu nicht geeignet – sie passt heute nur mehr zu Krisensituationen, und da gibt es einen – staatlichen oder kommunalen – Vertrag, dass die Hauptperson (geschlechtsneutral formuliert) kommandieren darf und soll.
Warten bis es nervt
In meinem zitierten Buch wiederhole ich eine meiner Standardaussagen, die etwa so lautet, dass ein Chirurg im Operationssaal sehr wohl befehlen darf "Haken! Schere! Tupfer!", aber nicht im Sozialraum "Kaffee! Kipferl! Serviette!".

Benimmbücher, wie sie in letzter Zeit wieder häufig auftauchen – oft sogar von Autoren, die sich selbst in tiefnächtlichen Mails nicht an ihre eigenen Benimmregeln halten – decken vermutlich die Nachfrage derer, die wen haben, dem/der sie sie schenken wollen.

Aber das ist nur ein Wink mit dem Zaunpfahl, aber noch lange nicht die richtige Form, zu einem Vertragsabschluss einzuladen. Dazu muss man wohl warten, bis jemand der Neusprech auf die Nerven geht. Bei der Internetsprache soll das ja schon der Fall sein.
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