Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Postbuch
Kultur
Wenn der Briefträger zu Neujahr klingelt
Rund um Silvester wünschen die Briefträger ein "Schönes neues Jahr" und überreichen oft auch ein Postbüchel. Seit über 300 Jahren gibt es diesen Brauch. Das Technische Museum hat dem postalischen Kleinod eine Ausstellung gewidmet.
Das Technische Museum zeigt Postbücher aus drei Jahrhunderten.
Postbüchel überlebte bis heute
1701 war es, als Johann Jordan in seinem Postbüchel die älteste Beschreibung "aller Gassen / Plätz/ Palläst/ Häuser und Kirchen der berühmten Haubt- und Kayserl. Residentz-Statt-Wienn" liefert. Damals war der Postler ein angesehener Unternehmer und Arbeitgeber am Kommunikationssektor.

Erst mit der Verstaatlichung der Post im Jahr 1722 wurden diese unternehmerischen Tätigkeiten der Zusteller mehr und mehr eingeschränkt. Das Postbüchel aber überlebte - bis heute.
In den Städten fristet das Postbüchel jedoch mittlerweile ein etwas trauriges Dasein. Denn da kann der Postmann dreimal oder noch öfter klingeln, zu den Zustellzeiten ist kaum jemand daheim. Und das Mitbringsel ins Postkastl legen und auf ein Trinkgeld hoffen, geht ebenfalls nur mehr selten.
Postbüchel Sprachrohr der Postbeamten
Einzig am Land, wo die Kommunikation zwischen Zusteller und Kundschaft schon allein deshalb gestiegen ist, weil in den vergangenen Jahren Hunderte Postämter geschlossen wurden, funktioniert die Übergabe des Postbüchels beziehungsweise der freiwilligen finanziellen Gegenleistung noch einigermaßen reibungslos.

Farbenfroh und durchaus nicht unkritisch, diente das Postbüchel im 19. Jahrhundert als Sprachrohr der Postbeamten. So wurde zum Beispiel 1850 vehement gegen die Einführung der Briefmarken gewettert, weil "beim Portozahlen sonst doch ein klein Geld manchmal abfiel, beim Herausgeben als es noch nicht Marken gab".
Postbüchel
Die Ausgaben jedes Jahreswechsels wurden schon Anfang des 19. Jahrhunderts in diversen Feuilletons und Kolumnen namhafter Zeitungen besprochen. Der Niedergang dieses Genres war ständiges Fazit dieser Rezensionen.
"Wir geben Reime. Sie geben Geld."
Unmissverständlich wurde der Anspruch auf hohe Kultur jedoch von den Postbüchel-Autoren abgewehrt. Schon 1821 beklagte man die "überkritische Beschau" der Broschüre und 1838 lamentierte der Verfasser , dass "man selbst von den Postbücheln Kultur fordert".

Das Ziel der Hefte ist vielmehr ein anderes: "Wir geben Reime. Sie geben Geld." Sollte übrigens jemand gerade nicht in bester Laune sein, wenn es an der Tür läutet, möge er sich vielleicht an Kaiser Franz Joseph I. erinnern. Der fühlte sich nach beendeter Lektüre sogar bemüßigt, dem Postler Karl Haffner hundert Gulden zu schenken, weil dieser so einen "herzlichen und ehrlichen Ton" angeschlagen hatte.
Ganz Österreich
Wien News

 
TV-Programm TV-Thek Radio Österreich Wetter Sport IPTV News