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MI | 11.04.2012
Kampusch (Bild: ORF/Günther Pichlkostner)
ORF-Interview
Kampusch von Justiz enttäuscht
Nach Bekanntwerden von Ermittlungspannen hat Natascha Kampusch in einem "Thema spezial" von einem "Schlag in die Magengrube" gesprochen. Sie zeigte sich bestürzt, aber gefasst. Den Glauben an die Justiz habe sie aber verloren.
Kampusch ORF-Exklusivinterview.
Vieles "nicht so leicht zu messen"
Leid, Gefühle und Schicksalsschläge - "Solche Sachen kann man nicht so leicht messen", so Kampusch in dem Interview mit Christoph Feurstein. Der Versuch diese vermutlichen Pannen noch zu vertuschen, sei "schon sehr arg".

In "Thema spezial: Die Akte Kampusch - Eine Chronik des Versagens" äußerte sich Kampusch auch über jene angeblichen Ermittlungsfehler,
die durch die Aussage des ehemaligen Bundeskriminalamtschefs Herwig Haidinger ans Tageslicht gekommen waren.

Kampusch: "Ich dachte, das wäre das Natürlichste der Welt, dass man einfach sucht, mit Spürhunden. Und dass man gerade das dann eben nicht gemacht hat, als man diese Kastenwägen untersucht hat, das ist schon irgendwie sonderbar."
Kampusch und  Feuerstein (Bild: ORF/Günther Pichlkostner) "Sonderbare" Dinge
"Es sind schon die Leute zur Verantwortung zu ziehen, die diesem Hinweis nicht nachgegangen sind", forderte die 19-Jährige. Es werde sich "erst herausstellen, ob ich eine
Entschädigung bekommen werde oder ob ich eine Klage einbringen werde", sagte sie in dem Exklusivinterview für "Thema".

Vom persönlichen Aspekt gesehen sei es ein "Wahnsinn" und "unmöglich", kritisierte Kampusch den Umgang mit ihrem Fall seitens der Politik. "Wenn man schon einen Fehler begeht, sollte man versuchen ihn wieder gut zu machen und daraus zu lernen."

Kein Verständnis habe sie daher auch für die Vorwürfe, das Ansehen der verstorbenen Innenminister Liese Prokop (ÖVP) werde beschmutzt: "Neutral betrachtet ist diese Ansicht absolut fehl am Platz. Sie war damals Ministerin, egal ob sie jetzt tot ist oder in 20 Jahren gestorben wäre."
Kampusch: "Kalaschnikow, die auf ihr Herz zielt".
Ausflüge wie "Reise in fremdes Land"
Auch an die Zeit ihrer Entführung erinnerte sich Natascha Kampusch im Gespräch mit Feurstein zurück: "Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass ich bald freikomme", erzählte sie. Das jetzige Ereignis habe auch Blockaden gelöst, sich "extra reinzusteigen" wäre allerdings falsch.

Gemeinsame Ausflüge mit ihrem Peiniger während der Gefangenschaft verglich das Entführungsopfer mit Reisen in ein fremdes Land mit unverständlicher Sprache, unbekannter Kultur und einer "Kalaschnikow, die auf ihr Herz zielt". Das Auftauschen der Polizei habe ihr Kidnapper sogar erwähnt, über die Fahndung allerdings nicht viel gesprochen. "Aus Angst es könnte mir nützen zu fliehen", so Kampusch.
Mutter erneut verteidigt
Stellung nahm die 19-Jährige einmal mehr zu den Schuldzuweisungen an ihrer Mutter Brigitte Sirny: "Meine persönlichen Meinung ist, dass meine Mutter an der Entführung nicht beteiligt war, und sie hat mich natürlich nicht sexuell missbraucht."

Auf die Frage nach sexuellen Übergriffen durch ihren Entführer antwortete Kampusch: "Ich meine, das sind meine Privatangelegenheiten. Sie erzählen ja auch nicht alles aus Ihrem Leben."
Martyrium wegen Pannen?
Seit den im Innenausschuss getätigten Aussagen Haidingers scheint das Vertrauen in die Exekutive schwer erschüttert. Haidinger spricht von einem zentralen Versagen der ermittelnden Behörden im Fall Kampusch im Jahr 1998.

Ohne diese Pannen wären Kampusch
möglicherweise mehr als acht Jahre Gefangenschaft und Martyrium erspart geblieben.
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