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MI | 11.04.2012
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Mit Google Maps unterwegs im Online-Roman
Ein Wiener Autor macht weltweit Furore mit seinem Online-Roman. Christoph Benda hat sein erstes Buch im Netz mit Google Maps verknüpft. Auf den animierten Satellitenbildern kann der Leser die Reise des Buchhelden mitverfolgen.
Statt eines Verlags hat sich der Autor eine Internet-Seite gesucht – und seinen Roman mit Karten online gestellt.
11.000 blätterten bisher im Buch
"Es war ein Experiment", gibt der 36-jährige Wiener zu. Von dem weltweiten Echo ist er selbst überrascht. Seit Ende Mai 2008 steht der Roman im Netz. Bisher haben ihn rund 11.000 Personen online aufgeschlagen. An die 300.000 Seiten wurden durchgeblättert.

Wie viele ihn tatsächlich gelesen haben, darüber macht sich der findige Autor weit weniger Illusionen. Schließlich ist Lesen am Computer nicht jedermanns Sache. "Leute aus der Generation meiner Eltern fragen mich immer, wie sie ihn ausdrucken können", schmunzelt Benda. Noch dazu besteht der Roman eigentlich aus drei Teilen und kommt damit auf einige hundert Seiten.
Lesung
Lesungen aus dem Buch führten den Autor bisher schon nach Norwegen und durch die Bundesländer.
Senghor on the Rocks - Buchcover im Netz
Google Maps führt durch die Orte der Handlung.
Kameraassistent reist durch den Senegal
Das Buch "Senghor in the Rocks" spielt im Senegal des Jahres 2001, als dort gerade euphorisch die erstmalige Qualifikation für eine Fußball-WM gefeiert wurde und gleichzeitig Leopold Sedar Senghor stirbt, der erste Präsident der Republik. So viel zum historischen Hintergrund.

Erzählt wird aus der Perspektive von Martin "Chi" Tschirner, der als Kamerassistent in Dakar bei einem Werbedreh für Coca-Cola arbeitet. An der Seite eines rassistischen Regisseurs, eines sexbesessenen Kameramanns und einer feschen Produktionsleiterin stolpert Chi durch die laute, fremde Stadt. Eigentlich geht es ihm dabei vor allem darum, seine Freundin Susanne zu treffen, die in Dakar an ihrer Diplomarbeit schreibt und keine Anstalten macht zurückzukommen.

"Chis" private und berufliche Schwierigkeiten werden fortan immer abenteuerlicher. Wo es ihn hinverschlägt, dorthin reist auch der User mit: Ein Cursor wandert neben jeder Buchseite wie von selbst über die Satellitenkarte von Google Maps.
Buch
Christoph benda
Die Wiener wurden für Google Maps kurzzeitig gesperrt.
Google vermutete einen Hacker-Angriff
Benda schrieb das Buch eigentlich schon 2002, inspiriert von seinen eigenen Reisen durch den Senegal. Beim Schreiben lag die Landkarte immer neben ihm, allerdings die abgegriffene aus Papier. Die Idee mit dem Online-Roman in Kombination mit Google Maps hatte er Jahre später gemeinsam mit dem Internet-Experten Flo Ledermann. Für das Layout sorgte der Dritte im Bunde, der Designer Johannes Krtek.

Ganz unkompliziert war die Entwicklung allerdings nicht. Denn damit die Fahrten des Protagonisten auf der Karte bewegt erscheinen, mussten die drei Wiener extrem oft auf den Bildserver von Google Maps zugreifen. Das wurde von Google als Angriff von Hackern missverstanden, der Zugang für die Internet-Schriftsteller wurde gesperrt. Erst nachdem der Irrtum aufgeklärt worden war, konnten sie an ihrem Projekt weiterarbeiten.
Von Australien bis Spanien wurde über den Internet-Roman berichtet.
Aus 65 Ländern zugegriffen
Der Ruf des neuartigen Online-Romans war gleich über mehrere Kontinente hin zu hören. Berichte dazu finden sich im "Sydney Morning Herold" genauso wie im deutschen "Spiegel". Und die deutsche "Bild"-Zeitung schrieb: "Das Ergebnis des Experiments ist faszinierend. So faszinierend, dass man vor lauter Stöbern in den Satellitenkarten das Lesen fast vergisst."

Der Autor trägt so etwas mit Fassung. So viele potenzielle Leser hätte er mit einem Buch in einem kleinen Verlag schließlich nie erreicht, meint Benda nüchtern. Und schon gar nicht aus 65 Ländern: Denn zugegriffen wurde auf den Roman nicht nur von Deutschen und Österreichern, sondern unter anderen auch von Niederländern, Franzosen, Amerikanern, Schweizern, Brasilianern, Engländern und Chinesen.
Erfolgreich ohne Profit
Im Geld schwimmt der Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften deshalb noch lange nicht. Denn an dem kostenlosen Roman haben Benda und Ledermann nichts verdient. Es ging nicht um den Profit, sondern nur darum, etwas Neues auszuprobieren. So ist auch kein Nachfolgeprojekt in Planung.

Doch die Idee der "Geo-Novella" könnte Wellen geschlagen haben und möglicherweise auf andere überschwappen. Und wer weiß, was die Wiener "Tüftler", wie sie der "Spiegel" bezeichnete, das nächste Mal "aushacken".
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