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MI | 11.04.2012
Handwerker im Mittelalter
BUCH
Vom schwierigen Leben im Mittelalter in Wien
Idyllisches Landleben und beschauliches Handwerken: Hubert Hinterschweiger räumt in seinem neuen Buch mit dem Titel "Wien im Mittelalter" mit diesen und anderen Mythen gründlich auf.
Cover Zwischen Seuchen und Überschwemmungen
Zu gerne wird im melancholischen Rückblick vergessen, dass vor sechs-, sieben oder achthundert Jahren nebst Hektik, Verkehr und Autoabgasen auch manch andere - durchaus nützliche - zivilisatorische Errungenschaft noch lange nicht erfunden waren.

Von fehlender Hygiene über Medikamente bis zur Kanalisation - das Leben in Wien war meist nicht einfach. Und manchmal suchten auch noch Pest, Cholera, Brände, Missernten, Überschwemmungen das kleine, enge, muffige Städtchen an der Donau heim.
Graben war eine Kloake
Der Graben etwa, heute Flaniermeile für Touristen und exklusive Shoppingzone für Gutbetuchte, glich seinerzeit einer riesigen Kloake. Mangels Entsorgungsbetrieben und sonstiger kommunaler Annehmlichkeiten, waren die Wiener gezwungen, die Straße nicht nur als Mittel zur Fortbewegung, sondern vor allem als Endlagerstätte von Tierkadavern, Fäkalien und sonstigem Hausabfall zu missbrauchen.

Aussätzige und Bettler wankten durch die modrigen Gassen, und wurden sie erwischt, warf man sie schleunigst aus einem der Stadttore.
Kopf an Fuß lagen die Kranken in den Betten.
Gestank in den Spitälern
Wer seinen 30. Geburtstag erlebte, durfte sich glücklich schätzen.

Selbst in den Spitälern herrschten unsagbare Bedingungen: "Fieberkranke, Wöchnerinnen, Blatternkranke lagen alle bunt gemischt, bis zu sechst in einem Bett. Das Bett hatte eine Breite von ca. 110 cm. Man lag Kopf an Fuß und die Krankheit, die man noch nicht hatte, die konnte man sich an Ort und Stelle holen. Die Strohsäcke der Kranken, die Urin und Exkremente nicht halten konnten, wurden zeitig am Morgen geöffnet und auf dem Boden ausgebreitet. Der Gestank war unvorstellbar und die Luft verpestet", schreibt Hinterschweiger.
Juden-Pogrom im Jahr 1420
Hinterschweiger ist es mit dem Buch gelungen, einen seltenen - weil realen - Einblick in eine sehr dunkle Epoche Wiens, Österreichs, Europas zu geben.

Ohne viel Zeit zu verlieren wurde verurteilt und anschließend gehängt, gerädert, gepfählt, gevierteilt. Und kam es zu Seuchen, verfiel das Geld oder griffen die Hussiten an - der Schuldige war rasch ausgemacht: die Juden. Hinterschweiger widmete der "Wiener Geserah", einem furchtbaren Juden-Pogrom 1420/21, ein eigenes Kapitel.
Auschweifende Feste und edle Gewürze
Natürlich gab es auch heitere Zeiten, in denen man eifrig dem an den umliegenden Hängen gesetzten Wein zusprach, ausschweifende Feste zu feiern wusste und über die vielen internationalen Händler staunte, die sich in Wien feines Tuch oder edle Gewürze feilboten.

Hinterschweiger, ausgebildeter Textilfachmann und Unternehmensberater im Ruhestand, hat sich seit seiner Pensionierung intensiv mit dem Bild Wiens im Mittelalter auseinandergesetzt. Durch seine Lektüre wird vieles wieder lebendig. Auch wenn von der Stadt, so wie sie damals aussah, heute nicht viel übrig ist.
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