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MI | 11.04.2012
Künstler Christian Ludwig Attersee  (Bild: APA/Rolamd Schlager)
LEUTE
Christian Ludwig Attersee ist 70
Maler, Musiker, Schriftsteller, Filmemacher und Bühnenbildner: Am Samstag feierte der umtriebige Künstler Christian Ludwig Attersee seinen 70. Geburtstag. Zum Jubiläum ergießt sich ein Ausstellungsreigen über Österreich.
Attersee an Aktionen der "Wiener Aktionisten" beteiligt.
Künstlername in Anlehnung an Segelsport
Der vielseitige Künstler wurde am 28. August 1940 als Christian Ludwig in Bratislava geboren, seinen Künstlernamen wählte er ab 1966 in Anspielung an seine Erfolge als Segelsportler. Schon 1951 begann Attersee Kurzromane zu schreiben, erste Lieder zu dichten, Comics zu zeichnen und Bühnenbilder zu entwerfen.

Von 1957 bis 1963 studierte er Bühnenarchitektur und Malerei an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst. Dort unterhielt er Kontakte zur Gruppe der "Wiener Aktionisten", insbesondere zu Günter Brus, Hermann Nitsch und Gerhard Rühm, an deren Aktionen er sich auch beteiligte.

Zwischen 1963 und 1965 entstanden Attersees erste Bilderzyklen, "Wetterbilder" und "Regenbogenanomalien". Wetter und naturhafte Elemente spielten auch in seinen weiteren Arbeiten eine wesentliche Rolle.
"Karfreitagstelle 96" von Christian Ludwig Attersee (Bild: APA/PALAIS HARRACH/LP)
Schamhaar-Lockenwickler und Speisepflug
1965 übersiedelte Attersee nach Berlin, wo er seine erste Ausstellung zeigte. Bis 1972 entstanden u.a. Fotozyklen mit narzistisch-ironischen Selbstporträts sowie Gemälde und Zeichnungen mit den für Attersee typischen "Gegenstandserfindungen" wie Schamhaar-Lockenwickler oder Speisepflug und Suppenschwamm-Löffel, denen der Einfluss der amerikanischen Pop-Art anzumerken ist.

Zwischen 1977 und 1980 hielt sich Attersee in Paris auf, 1980 überquerte er per Schiff den Atlantik und entwickelte aus seinen früheren Motiven expressive Wasser-Bilderwelten.

Insbesondere Attersees Arbeiten bewegen sich in zyklischen Kreisläufen mit Wiederaufnahme von Themen. Sein zwischen figurativen Darstellungen und überbordender Fantastik changierendes Werk ist von Ideenreichtum und Sinnlichkeit, Expressivität und Witz geprägt, wobei die Gefahren des Dekorativen nicht immer umschifft werden.
"Saftwinkel 1976",in Mischtechnik , auf Karton von Christian Ludwig Attersee (Bild: APA/KHM)
Europas größtes Mosaik "Der Wetterhändler" von Christian Ludwig Attersee in der Mariahliferstraße (Bild: APA/Westermann Kurt-Michael/JAE) Größtes Glasmosaik Europas in Wien
Stets waren Attersees Aktivitäten äußerst vielseitig: 1986 gestaltete er Wiens ersten Champagnerball im Konzerthaus, 1987 eine Schiffsschaukel für Andre Hellers "Luna Luna-Rummelplatz". Für die Fassade des 1996 eröffneten Attersee-Hauses auf der Wiener Mariahilferstraße entwarf er mit dem 210 Quadratmeter großen Mosaik "Wetterhändler" das größte Glasmosaik Europas. Den Ringturm am Schottenring hüllte Attersee 2006 in Folie, als Bühnenausstatter betätigte er sich wiederholt, zuletzt mit seinem Gesamtkunstwerk "Salome" in Bremen (2008).

Attersees Arbeiten waren u.a. 1977 auf der Documenta 6 in Kassel und 1984 auf der Biennale in Venedig zu sehen sowie in mehr als 400 Einzelausstellungen in Europa und den USA. Große Retrospektiven waren ihm in Österreich 1997 durch die Albertina und 2005 durch das Bank Austria Kunstforum, mit dessen Chefin Ingried Brugger Attersee verheiratet ist, gewidmet.

Von 1991 bis zum Vorjahr war Attersee Professor an der Wiener Angewandten, 1997 wurde er mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet, 2004 erhielt er den renommierten deutschen Lovis-Corinth-Preis, 2005 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und 2007 das Silberne Komturkreuz des Ehrenzeichens für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich.
Christian Ludwig Attersee (Bild: ORF)
Attersee: "Gerade einer von 500, die sich Künstler nennen, ist wirklich einer".
"Viel zu viele unbegabte Scharlatane"
Auf der Schmittenhöhe in Zell am See gestaltet Attersee derzeit eine Art Gipfelkreuz, eine 28 Meter hohe, begehbare Skulptur, die auf sechs Seiten die Schöpfungsgeschichte und im siebenten Teil, dem Innenraum, die schöpferische Ruhe darstellt.

Generell "gibt es viel zu viele künstlerisch gänzlich unbegabte Scharlatane in der bildenden Kunst. Gerade einer von 500, die sich Künstler nennen, ist wirklich einer", meint Christian Ludwig Attersee, "Das liegt auch an den vielen schlechten Galerien, vor allem aber liegt das an der Postmoderne", sagte der Maler im kurz vor seinem 70. Geburtstag.
Gemälde "Hechtgarten" von Christian Ludwig Attersee (Bild: APA/Atelier Attersee/HPK) Ausstellungen in ganz Österreich
Ob Attersse mit seiner Einschätzung die Galerien betreffend richtig liegt sei dahingestellt. Eine Geburtstagsschau beherbergt aber fast jedes Bundesland: Schon im April zeigte die Galerie Kunst & Handel in Graz den "Weg nach oben" und die Kärntner Galerie Walker die "Sternwäsche". Eine Soloschau wird bei Heike Curtze in Salzburg ("Er gab uns die Flasche und den Glauben", bis 30.8.) gezeigt.

Zum Geburtstag selbst wird im oberösterreichischen Schloss Parz bei Grieskirchen "Duettlust" mit Arbeiten der vergangenen zehn Jahre eröffnet (bis 17.10.).

Die Galerie Hilger in Wien kommt am 19. Oktober mit der Grafik-Ausstellung "Evastunden" (bis 20.11.), die Galerie Goldener Engel im Tiroler Hall folgt "Zierkrieg" (13.11. bis 20.12.). Derzeit lauf außerdem noch Ausstellungen in Schörfling am Attersee ("Gischtmitte", bis 29.8.) und in der R&H Galerie Zell am See ("Zeitversuch", bis 5.9.).
Zwei Bücher zum Geburtstag
Auch der Buchmarkt beteiligt sich an den Feierlichkeiten: Im Brandstätter Verlag erscheinen sowohl eine Biografie von Daniela Gregori und Rainer Metzger (Präsentation am 2. September im MUMOK) als auch der "Pinselfresser" von Kurt-Michael Westermann, der seine 40 Jahre an der Seite Attersees zu einem tagebuchartigen, 210 Seiten starken Fotobuch verarbeitet hat (die Fotos sind auch in der Leica Galerie Salzburg zu sehen).
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