Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Alfred G. lebt seit mehr als 20 Jahren mit der Diagnose "HIV Positiv" (Bild: ORF/Hubert Kickinger)
SOZIALES
"Mein Leben mit HIV": Ein Betroffener erzählt
Unvorbereitet und durch einen Zufall hat Alfred G. von seiner HIV-Infektion erfahren. Im Gespräch mit wien.ORF.at erzählt er über seinen Alltag und den "Kampf gegen das Krankwerden". Unterstützung erhält er vom Buddy Verein.
Lange "gelungen die Krankheit zu verbergen"
Es war ein harmloser Grund der Alfred G. in ein Innsbrucker Spital gehen ließ. Der gebürtige Tiroler klagte Anfang der 1990er Jahre über Schmerzen im Oberarm. Nachdem eine Gürtelrose diagnostiziert worden war, wurde Herr G. allerdings noch nicht entlassen.

"Herr G. sie sind positiv", teilte ihm ein Chefarzt "relativ nüchtern" und unvorbereitet mit. "Es war ein Schock", erinnert sich der 43-Jährige.

Als er kurz darauf im Krankenhaus einen AIDS-Patienten sieht, der "kaum mehr als 35 Kilo hatte, war es der nächste Schock". Der gebürtige Tiroler weihte seine Familie ein, abseits dieser begann ein Versteckspiel, bei dem es ihm "jahrelang gelungen ist, seine Krankheit zu verbergen".
Die Einnahme von Medikamenten als Teil des Tagesablaufs.
Ein "Kampf nicht immer krank zu werden"
Alfred G. begann "unmittelbar nach der Diagnose mit der Einnahme der Medikamente", auch wenn er "seitdem immer krank" war. Anfangs waren es "ungefähr 36 Tabletten" die er pro Tag einnehmen musste. Heute sind es aufgrund der Kombitherapie in Summe elf Stück täglich.

Herr G. erblindete für vier Tage, verbrachte viel Zeit stationär im Krankenhaus und überlebte eine Lungenentzündung. 1998 dann die Nachricht des Arztes, dass AIDS nun "ausgebrochen" sei. Heute vergeht kaum ein Winter in dem der 43-Jährige nicht mindestens drei Kehlkopfentzündungen hat und an grippalen Infekten erkrankt.

Alfred G. gab seinen Job als Landesangestellter auf, und lebt seitdem von einer Mindestpension. Es sei ein "Kampf nicht immer krank zu werden", dabei wisse er nicht "ob er noch fünf Jahre lebt, oder ob es zehn sind". Das Rechnen habe er aufgegeben. Infiziert habe er sich, da er "ungeschützten Verkehr mit zwei unterschiedlichen Partnern" hatte, wobei "beide positiv waren, es aber nicht sagten".
Alfred G. lebt seit mehr als 20 Jahren mit der Diagnose "HIV Positiv" (Bild: ORF/Hubert Kickinger)
"Buddys" und "Helferzellen"
"Es ist immer wieder eine Herausforderung, jeden Tag", beschreibt der 43-Jährige seine Situation. Der Körper werde schwächer und die Energie weniger. Hilfe bekommt Herr G. vom Wiener Buddy Verein, zu dem er "kurz nach seiner Ankunft in Wien über das AIDS-Hilfe-Haus vermittelt" wurde.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des sozialen Vereins begleiten Menschen mit HIV/AIDS. Derzeit gibt es elf aktive "Buddys" und elf aktive "Helferzellen", beschreibt Gabriele Leuthner-List vom Verein die personellen Kapazitäten.

"Buddys" sind dabei "emotionale Begleiter und gehen in der Regel eine sehr persönliche Beziehung mit den Klienten ein, Helferzellen hingegen leisten praktische Unterstützung im Alltag", erklärt Leuthner-List.
Heimwerken und Kinobesuche
Rund einmal pro Woche trifft sich Alfred G. mit seinem Buddy. Die Zeit die er mit seinen bisher drei Buddys verbracht hat, beschreibt Herr G. so: "Man hat viel gelacht, war gut d'rauf oder hat im Kino bei Brokeback Mountain an denselben Stellen geweint". Aber auch wenn es ihm schlecht gehe, sei sein Buddy für ihn da.

Die "Helferzellen" wiederum, werden bald einige Vorhangstangen in seiner kürzlich bezogenen Wohnung montieren helfen und eine Tür einhängen, erzählt Herr G.
In Österreich leben zwischen 12.000 und 15.000 HIV-positive Menschen.
"Einen schwulen Überhang gibt es nicht"
Die Aufgabe für die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die vor Beginn ihrer Tätigkeit eine eigenes Training absolvieren, sei nicht immer einfach, so Leuthner-List. Etwa wenn diese merken, dass sie "eigentlich die Einzigen sind, die im sozialen Umfeld der Betroffenen übrig bleiben", oder wenn die Tatsache ins Bewusstsein rückt, dass der betreute Klient "letztlich sterben wird".

Auch mit der gängigen Meinung, dass HIV nur Homosexuelle betreffe, räumt Leuthner-List auf: "Einen schwulen Überhang unter unseren Klienten gibt es nicht".

Zu den meisten HIV-Infektionen kommt es laut Zahlen der AIDS-Hilfe Wien durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr. 2009 entfielen fast 43 Prozent der Neuinfektionen auf diese Gruppe, 41,5 Prozent erfolgten über homosexuelle Kontakte und 9,2 Prozent über intravenösen Drogenkonsum. Insgesamt leben in Österreich zwischen 12.000 und 15.000 HIV-positive Menschen - etwa die Hälfte davon in Wien.
Gabriele Leuthner-List vom Buddy Verein (Bild: ORF/Hubert Kickinger)
Leuthner-List: "Bewundernswert wie sich viele Klienten ihren Lebenswillen erhalten".
"Glück ist ein so großer Begriff"
Neben der Betreuung der Klientinnen und Klienten bietet der soziale Verein auch Beratung und verteilt Sachspenden. Die Finanzierung erfolgt zum Großteil aus Geldern die der Life Ball überweist, auch der Fonds Soziales Wien (FSW) leiste einen kleinen Beitrag.

Es sei bewundernswert wie sich "viele Klienten ihren Lebenswillen erhalten", sagt Leuthner-List. "Sie sind mehr als nur krank. Man könnte sich viele von ihnen als Vorbild nehmen".

Und Herr G. meint auf die Frage, ob er glücklich ist, dass "Glück ein so großer Begriff" sei. Und dann setzt er nach: "Aber zufrieden trifft es".
Hubert Kickinger, wien.ORF.at
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