Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Straflandesgericht (Bild: ORF.at/Patrick Wally)
GERICHT
In "Luftschlösser" investiert: Betrugsprozess
Von unglaublichen Gewinnversprechungen ließen sich zahlreiche vermögende, teils recht bekannte Wiener anlocken. Am Dienstag folgte im Wiener Straflandesgericht für die Investoren im Zuge eines Betrugsprozesses das böse Erwachen.
Mit Renditen von bis zu 75 Prozent angelockt
Eine Firma namens "Vario Finance" machte den Wiener Investoren Tradinggeschäfte schmackhaft, wobei Renditen von bis zu 75 Prozent in Aussicht gestellt wurden.

Selbst Akademiker, Hochschulprofessoren und - zumindest was ihre Berufsbezeichnung betrifft - ausgewiesene Wirtschaftsexperten hielten diese "Luftschlösser" für realistisch.

Im Zuge des Prozesses entpuppte sich die "Vario Finance" aber als das Fantasiegebilde eines 63-jährigen Mannes und seiner um zwei Jahre älteren deutschen Landsfrau. Der Mann gab unumwunden zu, ohne Vermögen und Einkommen zu sein: "Vom Arbeitsamt habe ich sogenanntes Arbeitslosengeld bekommen. Ich habe in den letzten 15 Jahren von meiner lieben Ehefrau gelebt."
Betuchte Investoren glaubten an "Finanzlücke".
Businessfrau arbeitete als Altenpflegerin
Dessen ungeachtet sei es ihm gelungen, in Nigeria ein Riesengeschäft "aus dem sogenannten Off-Shore-Bereich" an Land zu ziehen, erzählte der ausgebildete Schifffahrtskaufmann dem Schöffensenat: Ein Mann namens Bill Smith habe ihm einen Vertrag über 42,6 Millionen Euro angeboten. Er hätte lediglich fünf Mio. benötigt, um den dicken Fisch an Land zu ziehen.

Dafür habe er über seine Bekannte und deren "Vario Finance" Investoren gesucht. Die Bekannte hatte sich seit 1998 in der Bundeshauptstadt Zugang zu betuchten großbürgerlichen Kreisen verschafft, wo sie als bestens vernetzte Businessfrau aus der Hochfinanz auftrat. In Wahrheit arbeitete die 65-Jährige als Altenpflegerin.

Dennoch schaffte sie es, ihren noblen Bekannten weiszumachen, man könne sich mit ihrer Hilfe an Geschäften beteiligen, wo "kleine Fische" normalerweise nicht geduldet würden. Doch habe sich eine "Finanzlücke" aufgetan, bei "absoluter Geheimhaltung" wäre eine Beteiligung ausnahmsweise möglich.
Trio kassierte knapp drei Mio. Euro
Als Präsidentin der "Vario Finance" gab die Frau ihre Langzeitfreundin aus, eine 71 Jahre alte Pensionistin. Die Investments wurden auch auf deren Pensionskonto überwiesen und dann - so zumindest die Verantwortung der Angeklagten - auf Konten in der Karibik, Hongkong und Zypern verteilt.

Zwischen Dezember 2002 und November 2007 schröpfte das Trio laut Anklage Dutzende Anleger. 59 Fakten mit einer Schadenssumme von fast drei Mio. Euro sind in dem bis kommenden Freitag anberaumten Verfahren inkriminiert.
Staatsanwaltschaft: Großteil der Beute dürfte verspielt worden sein.
Bis zu zehn Jahre Haft drohen
Schuldbewusstsein war bei den Angeklagten kaum erkennbar. "Renditen von 30 Prozent waren für mich kalkulatorisch absolut machbar", betonte der Mann. Er berief sich auf "kontinuierlichen Briefverkehr, die mir das aus Kreisen der Regierung bestätigt haben".

Die von der "Vario Finance" eingesammelten Gelder habe man auf Anweisung von "registrierten Zahlungsagenten der nigerianischen Regierung" weitergeleitet. Die Rückzahlung sei nur deshalb gescheitert, weil er unter Betrugsverdacht festgenommen wurde. Der Deutsche ist in seiner Heimat einschlägig vorbestraft.

In Wahrheit dürfte ein Großteil der Beute verspielt worden sein, vermutet die Staatsanwaltschaft. Die mutmaßliche Komplizin des Mannes hatte seit 2003 gezählte 212-mal Casinos in Österreich und Deutschland besucht. Allein im Jahr 2006 wurden 56 Besuche registriert. Mit ihrem Altenpflegerinnen-Gehalt dürfte dieses Hobby wohl sehr schwer vereinbar gewesen sein. Im Falle von Schuldsprüchen drohen nun ihr, ihrer besten Freundin und dem Mann jeweils bis zu zehn Jahre Haft.
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