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MI | 11.04.2012
AKH außen (Bild: ORF)
CHRONIK
Zu wenige Betten für Kinderpsychiatrie
Schwere Kritik an der Situation der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung in Wien kommt von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Es gebe zu wenige stationäre Betten, die Ambulanzen seien überlastet.
Vergleichbare Städte besser ausgestattet.
Basisversorgung nicht gegeben?
Christian Kienbacher, der an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH tätig ist, sprach bei der Präsentation des Jahresberichts von einer prekären Situation: "Die Basisversorgung in Kinder- und Jugendpsychiatrie ist nicht gegeben. Ambulanzen und Krankenabteilungen sind massiv überlastet."

In Wien stehen laut Kienbacher rund 60 stationäre Betten zur Verfügung, in vergleichbaren Städten wie Hamburg und Zürich seien es dreimal so viele: "Es fehlen in Wien 110 Betten." Der Kinderpsychiater schilderte einen Fall aus seinem in der Nacht zuvor absolvierten Dienst.

"Ich hatte ein zehnjähriges Mädchen zu begutachten, das seit einigen Wochen Stecknadeln schluckt und sich selbst verletzt. Es war kein freies Bett vorhanden." Vor kurzem habe man auch eine 16-Jährige nach einem
Suizidversuch nicht aufnehmen können. Sie musste auf eine Erwachsenenstation.
KAV: Neue Abteilung im KH Nord
Beim Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) wurde die Kritik zurückgewiesen. "Die Stadt Wien verfolgt die Reform der Psychiatrie
stetig weiter", erklärte KAV-Generaldirektor Wilhelm Marhold. Erst im vergangenen Herbst sei Platz für die neue Psychiatrische Abteilung für die Bezirke drei und elf geschaffen worden.

Darüber hinaus sei im September ein Übergangswohnhaus für Menschen mit psychischen Erkrankungen eröffnet worden, das seinen Schwerpunkt auf jüngere Erwachsene mit psychischen Erkrankungen im Anschluss an einen stationären Aufenthalt setzt.

Im neuen Krankenhaus Nord wird eine dritte Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie entstehen, nachdem die Abteilungen am Rosenhügel und im AKH erweitert wurden.
Prävention bei Problemfamilien gefordert
Neben dem klinischen Bereich wird von Kienbacher auch der Mangel an Sozialpädagogen kritisiert, etwa 160 würden fehlen. Dazu gäbe es einen eklatanten Mangel an Plätzen in Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche. In diesem Bereich seien derzeit 40 Kinder auf der Warteliste für einen Platz.

Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit forderte am Donnerstag bei der Präsentation des Jahresberichts auch mehr Prävention. "Problemfamilien, Problemorte und Problempersonen müssen aufgesucht werden", meinte Christian Vielhaber, Obmann des Österreichischen Kinderschutzbundes.

Spektakuläre Misshandlungsfälle würden nicht plötzlich geschehen, sondern hätten eine Vorgeschichte, in der eingegriffen werden kann.
Diskussion um neues Kinder- und Jugendwohlfahrtsgesetz.
Pinterits weiter für Vieraugenprinzip
Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits lehnte am Donnerstag die derzeitige Variante des neuen Kinder- und Jugendwohlfahrtsgesetzes ab. Sie spricht sich vor allem für das Vieraugenprinzip bei Hausbesuchen aus.

In mehreren Anläufen wurde eine Novellierung des Kinder- und Jugendwohlfahrtsgesetzes angestrebt, bisher scheiterte das neue Gesetz am Widerstand der Länder. Die derzeit vorliegende abgespeckte Variante ist laut Pinterits nicht ausreichend: "Wir waren ursprünglich auf einem guten Weg."

Nun hätte man etwa das Vieraugenprinzip wieder herausgestrichen. Gerade bei Hausbesuchen, wo es um die Abklärung der
Gefährdungssituation geht, sei es aber wichtig, dass zwei Sozialarbeiter hingehen. "Vier Augen sehen mehr als zwei, und man kann sich fachlich besser austauschen. Das ist ein
Mindest-Mindest-Mindeststandard", so Pinterits.
Kooperationsgesetz für Behörden notwendig
SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim forderte ein eigenes Kooperationsgesetz der Behörden zur Verhinderung von Gewalt an Kindern. Als Beispiel nannte er die wenig gelungene Zusammenarbeit der Behörden im Fall Cain in Vorarlberg. Alle involvierten Stellen wie Polizei, Spitäler, Staatsanwaltschaft und Jugendwohlfahrt sollten sich vernetzen und Informationen austauschen.

Dazu soll eine Jugendwohlfahrtsdatenbank geschaffen werden, um im Verdachtsfall eingreifen zu können. Spitäler, Ärzte und
andere Behörden sollen alle wesentlichen Informationen einspeisen. So soll laut Jarolim verhindert werden, dass Behörden wichtige
Information über Zwischenfälle in Familien - etwa wenn Eltern in ein anderes Bundesland umziehen - entgehen.
OECD-Bericht forderte frühere Hilfe
Frühe und intensive Hilfe für Kinder in Risikofamilien wird auch im OECD-Bericht zur "Lage der Kinder- und Jugendgesundheit" in Österreich gefordert.

"Kein Bursch fällt als '15-jähriger gewaltbereiter Trinker' vom Himmel, und kein Mädchen
wird als 'rauchende und essgestörte 14-Jährige' geboren. Sie alle haben eine Entwicklungsgeschichte, das heißt eine ganz spezifische Biografie dorthin. Solche Kinder und Jugendlichen sind nicht das Problem, sie haben ein Problem", heißt es in dem Bericht für 2011.

Insgesamt wird festgestellt, dass die österreichische Politik vergangenes Jahr mehrere Aktivitäten gesetzt hat, um eine Diskussion
und Maßnahmen für eine bessere Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Gang zu bringen.
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