Wien ORF.at
MI | 11.04.2012
Heinrich Gross. (Bild: APA)
Euthanasie
Neue Dokumente belasten Heinrich Gross
In russischen Archiven aufgetauchte Dokumente sollen den "Spiegelgrund-Arzt" Heinrich Gross schwer belasten. Ein neuer Prozess gegen den ehemaligen NS-Arzt ist aber eher unwahrscheinlich.
Gross soll Mordaufträge ausgeführt haben
Konkret geht es um Aussagen des Arztes Erwin Jekelius, der einer der Hauptverantwortlichen für das NS-Euthanasieprogramm war. Die deutschen Journalisten Florian Beierl und Thomas Staehler stießen im Zuge ihrer Recherchen in russischen Archiven auf Auszüge seiner Verhörprotokolle.

Demnach gestand Jekelius in den Verhören ein, Tausende behinderte Menschen in die Gaskammern geschickt sowie die Ermordung von behinderten Kindern in seiner Fachabteilung "Am Spiegelgrund" in Wien angeordnet zu haben. Ausgeführt hätte diesen Auftrag Heinrich Gross.
DÖW will gesamtes Material
Die beiden Journalisten haben nur einen Teil der gesamten Unterlagen gesehen. Peter Schwarz vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) will "alle Hebel in Bewegung setzen", um das weitere historische Material zu erhalten.
Prozess gegen Gross vertagt
Heinrich Gross stand im Jahr 2000 wegen Ermordung von neun behinderten Kindern an der Wiener Euthanasieklinik "Am Spiegelgrund" im Sommer 1944 vor Gericht. Nach 30 Minuten wurde die Verhandlung vertagt und bis dato nicht mehr aufgenommen.

In Gutachten war in den vergangenen Jahren mehrmals dessen Verhandlungsunfähigkeit festgestellt worden. Gross wird im November 90 Jahre alt und leidet an einer Hirndemenz.
Wiederaufnahme eher unwahrscheinlich
Die Staatsanwaltschaft Wien hat die neu aufgetauchten Dokumente am Montag erhalten und will diese nun genau prüfen. Sprecher Ernst Kloyber glaubt, dass dies zwei bis drei Wochen dauern wird.

Dass der Prozess gegen Gross fortgesetzt werden könnte, hält Kloyber für eher unwahrscheinlich. Gross sei nicht verhandlungsfähig, und "so wie es aussieht, wird er das auch nicht mehr".
Auftraggeber starb 1952 in Sowjetunion
Jekelius war nach Kriegsende von den Sowjets verhaftet worden. Er wurde verhört und 1948 in Moskau zu 25 Jahren Haft verurteilt. 1952 starb er in russischer Gefangenschaft an Blasenkrebs.
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